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Wie können sich Hochsensible vor einem Burnout schützen?

INTERVIEW MIT DER BUCHAUTORIN UMA ULRIKE REICHELT

HSP: Du hast 2003 selbst einen schweren gesundheitlichen Zusammenbruch gehabt, aus dem später dein Buch „Schnell & sicher ins Burnout“ entstanden ist. Wie macht sich ein Burnout bemerkbar?

Uma: Wenn wir von einem nahenden Burnout sprechen, dann ist das das Gefühl, immer schwerer „den Kopf über Wasser halten zu können“. Das kann einhergehen mit überreizten Nerven, ständig kreisenden Gedanken und Gefühlen sowie Schlafstörungen. Das Gefühl, den verschiedenen täglichen Situationen Grafik5und Reizen ausgeliefert zu sein, sich überwältigt zu fühlen, wird dann immer stärker. Im Gegenzug ist dann nicht genügend Energie und psychische Robustheit da, dies abzupuffern. Allerdings bemerken viele Menschen gar nicht, dass sie sich auf ein Burnout zu bewegen. Stress macht blind. Blind für unsere Bedürfnisse und unser Befinden. Das heißt, wir können uns und unsere Grenzen im Anspannungs-Modus nicht gut spüren. Erst nach dem Abklingen einer Anspannung bemerken wir zum Beispiel, wie müde oder erschöpft wir eigentlich sind. Um das Bemerken einer Burnout-Dynamik zu erleichtern habe ich 12 typische Aussagen gesammelt, die ein Burnout ankündigen können:

  1. „Ich kann seit mindestens 3 Monaten schlecht oder gar nicht mehr abschalten und stehe unter Strom.“
  2. „Ich habe seit Monaten Schlafprobleme/Schlafstörungen und fühle mich früh wie zerschlagen.“
  3. „Mir sitzen die Arbeit und Sorgen ständig im Nacken.“
  4. „Ich komme einfach nicht hinterher, ich habe immer einen großen unerledigten Berg vor mir“
  5. „Ich fühle mich zunehmend überfordert und schnell überreizt.“
  6. „Ich fühle mich kraftlos und kann bald nicht mehr.“
  7. „Ich habe viele Kreisgedanken, bin schnell gereizt und ungeduldig.
  8. „Ich habe Konzentrationsprobleme und bin oft vergesslich.
  9. „Ich habe Ängste und Panikattacken, z.B. „Ich schaffe das alles nicht mehr!“
  10. „Ich habe körperliche Verspannungen und Schmerzen.“
  11. „Ich fühle mich zunehmend lustlos und getrieben, mir geht der Sinn verloren.“
  12. „Ich ziehe mich zurück von anderen Menschen.“

Je mehr Aussagen du mit „Ja“ für dich beantwortest, umso höher ist deine momentane Stessbelastung.

HSP: Sind Hochsensible besonders Burnout gefährdet?

Uma: Hochsensible Menschen nehmen intensiv wahr und verarbeiten Reize viel detaillierter als normal sensible Menschen. Es ist, als ob immer ein Verstärker an allen Gefühlen, Gedanken und Wahrnehmungen ist. Das kann sehr anstrengend sein und verbraucht viel Kraft und Energie. Das macht sie einerseits anfälliger für ein Burnout. Andererseits kommt Hochsensiblen ihre gute Wahrnehmung zugute. Sie spüren oft besser als Normalsensible, wie es ihnen geht und haben damit die Möglichkeit, rechtzeitig den Kurs zu ändern. Hochsensible benötigen aber allgemein besonders viel Selbstliebe und Selbstpflege, um in der Balance zu bleiben oder sie wieder herzustellen. Wichtig ist es, gezielte Methoden kennen zu lernen und regelmäßig anzuwenden, die sich ausgleichend und beruhigend auf das stark beanspruchte Nervensystem auswirken. So kann Stress abgebaut und Kraft wieder aufgebaut werden. Als sehr positiv erweisen sich zum Beispiel TRE® und EFT.

HSP: Gibt es wiederkehrende Muster, die Hochsensible schnell ausbrennen lassen und wie kann man diese lösen?

Uma: Ja, die gibt es. Ich möchte auf 3 ganz typische eingehen.

  1. Das Thema Vergleichen. Vergleichst du dich als HSP mit Normalsensiblen, z.B. wenn es um die Leistungsstärke und Robustheit im Berufsleben geht? Der Wunsch, „normal“ und genau wie „die anderen“ zu schaffen und zu sein, kann schnell zur Überanstrengung führen, da das eigene gesunde Maß übergangen wird. Sich selbst nicht zu respektieren und fremden Maßstäben anzupassen ist für Hochsensible ein starker Krankmacher.

Lösungsmöglichkeit: Statt dich mit anderen zu vergleichen und dabei oft schlecht wegzukommen, erkenne deine Wesensart und Gaben an und suche dir für diese gute Vorbilder, die das leben, was dir wichtig ist.

  1. Das Thema Perfektionismus. Setzt du dich oft selbst unter Leistungsdruck? Hochsensible haben hohe Anforderungen an sich selbst. Hier tritt die Selbstüberforderung, oft durch Perfektionismus, in Kraft. Hochsensible Menschen neigen trotz begrenzter Energiereserven häufig dazu, immer noch alles zu geben. 80% ist einfach nicht gut genug und eher inakzeptabel. Oft werden die eigenen Leistungsgrenzen gar nicht oder erst zu spät wahrgenommen – wenn die Erschöpfung schon eintritt.

Lösungsmöglichkeit: Versuche immer mal wieder statt 150% einfach mal 80% zu geben und schaue, wie es dir kräftemäßig danach geht. Erlaube dir,  neue Standards zu setzen, die dir und deiner Kraft im Moment entsprechen. Frage dich immer wieder: Wie sehr strenge ich mich gerade an und wie könnte ich es mir leichter machen?

  1. Das Thema fehlende Selbstliebe und Selbstpflege. Kannst du dich, so wie du bist annehmen und gut für dich sorgen? Wenn Du als HSP nicht genügend auftankst, Stress abbaust und auf deine Bedürfnisse achtest, dann spürst du das recht schnell im Alltag. Du fühlst dich dann schneller gestresst, überreizt und verlierst mehr Energie als du wieder auffüllst. Das kann auf Dauer zu einer Erschöpfungsdepression führen.

Lösungsmöglichkeit: Setze dir 3 „Zehn-Minuten-Inseln“ der Entspannung in deinen Tag. In diesen 10 Minuten kannst du dich für 3 Dinge loben, die dir gut gelungen sind und dir die 3 Existenz-Fragen stellen, auf die ich am Ende noch zu sprechen komme.

HSP: Welche Tipps hast Du für Hochsensible im Alltag, um sich vor einem Burnout zu schützen bzw. nicht erneut in ein Burnout zu geraten?

Uma: Es ist unglaublich wichtig, sich selbst immer besser kennen und lieben zu lernen und nach den eigenen Bedürfnissen und Werten zu leben. Dazu gehört Grafik4auch, mit sich und dem Leben ins Reine zu kommen und in Einklang mit elementaren Lebensgesetzen zu leben. In meinem Buch werden 5 dieser Lebensgesetze für mehr Energie, Balance und Lebensfreude sehr praktisch erklärt. 

Ganz wichtig ist es, sich mindestens 3 Mal am Tag 10 Minuten Zeit zu nehmen, um zu spüren, wie es dir gerade geht und ob du gerade auf deiner eigenen Spur unterwegs bist. Hierzu kannst du dir folgende 3 Existenz-Fragen stellen, die du auch im Buch findest. Mit ihnen kommst du sofort wieder zu dir und sorgst für dich:

  1. Auf einer Skala von 1-10, wobei 1 sehr schlecht und 10 sehr gut ist – Wie geht es mir gerade?
  2. Was brauche ich gerade, was würde mir gerade gut tun?
  3. Wie kann ich das jetzt umsetzen?

Und es dann auch direkt tun!

Abschließend möchte ich noch sagen, dass die kleinen Dinge, die wir täglich tun, mehr Einfluss auf unser Leben haben, als wir oft glauben. Du kannst deine Gesundheit stark beeinflussen, wenn du sie in deine Hände nimmst und gut für dich sorgst. Dazu findest du im Buch etliche Anregungen und praktische Übungen für deinen Alltag.

HSP: Vielen Dank für das schöne Gespräch, liebe Uma

Uma Ulrike Reichelt, www.uma-u-reichelt.com, Autorin von „Schnell & sicher ins Burnout“

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