Was die Suche nach der eigenen Identität für Hochsensible bedeutet

INTERVIEW MIT DEM BUCHAUTOR UND DIPLOM-PSYCHOLOGE DR. HERMANN RÜHLE

HSP: Lieber Hermann, zunächst herzlichen Glückwunsch zu Deinem neuen Buch „Was bin ich? Wie bin ich? Wozu bin ich?“ Es ist soeben im Buchhandel erschienen. Kannst Du uns kurz beschreiben, worum es darin geht?

Hermann: Wir müssen herausfinden, wer wir sind. Sonst blüht uns ein bedauernswerter Tod. Sagt der britische Management-Philosoph Charles Handy: „Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass das Leben im Grunde eine Suche nach der eigenen Identität ist. Jene Menschen, die sterben, ohne zu wissen, wer sie eigentlich sind oder wozu sie wirklich imstande gewesen wären, sind bedauernswert.“

Wer sich allerdings mit der viel zu pauschalen Frage „Wer bin ich?“ auf die Suche macht, ist auf dem Holzweg. Ich zeige in meinem Buch, wie wir unserer Identität mit den drei konkreten Fragen „Wie, was und wozu bin ich?“ wirklich auf die Spur kommen.

Für Hochsensible ist die Auseinandersetzung mit der Frage „Wie bin ich?“ besonders wichtig und ergiebig. Wer nur mit seinen vermeintlichen Schwächen kämpft, aber nie erkannt und ausgeschöpft hat, wozu er wirklich imstande gewesen wäre, ist bedauernswert.

HSP: Stellen sich alle Menschen die Frage „Wer bin ich?“ oder neigen beispielsweise Hochsensible eher dazu und warum?

Hermann: Jeder Mensch denkt immer wieder darüber nach, wer er ist und was ihn von seinen Mitmenschen unterscheidet. Identität definiere ich so: Es ist meine Vorstellung von mir, entstanden durch meinen Vergleich mit anderen und durch meine Erfahrungen mit anderen. Hochsensible merken selber, dass sie anders „ticken“ als die meisten anderen. Weil aber die Mehrheit bestimmt, was normal ist, zweifeln Hochsensible eher an sich selbst und „gewinnen“ zusätzlich allerlei Erfahrungen nach dem Motto „Hab dich nicht so, sei nicht so empfindlich, reiß dich mal zusammen!“

dielus_Was_bin_ich_Cover_SchattenHochsensible können nur gewinnen, wenn sie sich mit der Frage „Wie sehe ich mich selbst?“ mit ihrem Selbstbewusstsein auseinandersetzen, welches Bild sie von sich haben, wie sie sich einschätzen und wertschätzen.

Unter Geltungsdrang leiden Hochsensible nicht. Ihr Geltungsbewusstsein ist unterentwickelt. Die Frage „Was bin ich, was gelte ich in den Augen meiner Mitmenschen?“ plagt sie wenig. Hochsensible sind eher Sinnsucher als Statussucher. Ihnen ist die innere Stimmigkeit und Unabhängigkeit wichtiger als äußerer Erfolg und Status. Statussucher beziehen ihr Selbstverständnis aus ihrem Ansehen in der Öffentlichkeit. Statusversessene liefern sich Prestigezuerkennern aus, die sich in Prestigeaberkenner verwandeln können. Vor dieser Gefahr sind Hochsensible gefeit.

Neben dem Selbstbewusstsein und dem Geltungsbewusstsein gibt es eine dritte Unterabteilung der Identität, das Sinnbewusstsein, die Frage nach dem „Wozu bin ich?“. Sinn entsteht, wenn Menschen das Leben nicht nur vor sich hinplätschern lassen, sondern etwas Besonderes daraus machen, über sich hinauswachsen, etwas Bleibendes schaffen und Spuren hinterlassen. Nach einer Studie gehören dreißig Prozent der Deutschen zur Gruppe der „existenziell Indifferenten“, die mit Sinnfragen nichts am Hut haben. In einer anderen Studie fanden sich noch mehr Sinnverweigerer: Danach sind vierzig Prozent der Bevölkerung „unbekümmerte Alltagspragmatiker“, die Fragen nach dem Sinn des Lebens als irrelevant betrachten. Die hochsensiblen Sinnsucher gehören weder zu der einen noch der anderen Gruppe.

 HSP: Warum ist es entscheidend zu erkennen, was andere sein wollen, aber nicht sind und was hat das mit unserer eigenen Persönlichkeit zu tun?

Hermann: Wer ich bin, weiß ich, wenn mir klar wird, wie ich mich von anderen unterscheide. Ich bin, weil ich anders bin! Doch Mitmenschen müssen nicht nur zu Vergleichszwecken herhalten, sie sind überhaupt eine Quelle der Selbsterkenntnis. Wenn wir aus anderen schlau werden, kommen wir uns nicht nur selbst auf die Schliche, sondern wir gehen anderen auch nicht auf den Leim. Das schützt uns vor identitätsgestörten Zeitgenossen, die ihre Probleme auf unsere Kosten lösen wollen.

Im Buch beschäftige ich mich mit den wichtigsten Als-ob-Persönlichkeiten, mit Narzissten, Hochstaplern und Größenwahnsinnigen, vor denen wir auf der Hut sein müssen. Mit der fatalen Konstellation männlicher Narzisst trifft auf hochsensible Frau haben sich Diana Kolb und Silvia Christine Strauch in ihren bei dielus erschienenen Büchern auseinandergesetzt.

Mancher Hochstapler ist aufgeflogen, weil ein Hochsensibler mit seinem sechsten oder siebten Sinn geahnt hat, dass da etwas nicht stimmen kann.

Vermutlich sind nicht wenige Hochsensible als eingebildete Hochstapler unterwegs. Das sind Menschen mit einem intensiven, geheimen Empfinden der Betrügerei angesichts des eigenen Erfolges und der eigenen Leistung. Man glaubt, dass man den eigenen Erfolg nicht verdient hat, hält sich für einen Vortäuscher falscher Tatsachen. Vor allem Perfektionisten und Leute, die innerlich zu Hochleistungen getrieben werden, sind für dieses sogenannte Hochstaplersyndrom anfällig.

Der echte Hochstapler leidet unter seinem fehlenden Status, bildet sich ein, das nicht verdient zu haben und startet eine Karriere als Identitätsbetrüger. Der eingebildete Hochstapler leidet an Selbstbetrug, besitzt aufgrund seines verdienten Erfolges einen hohen Status und bildet sich ein, den nicht verdient zu haben. Ein Trost: Wer sich einbildet, seinen Erfolg nicht verdient zu haben, dem fehlt jegliche Voraussetzung für den Größenwahn. Überhaupt, einen hochsensiblen Größenwahnsinnigen kann ich mir nicht vorstellen.

HSP: Können Hochsensible mit Hilfe der Selbsterkenntnis an Selbstsicherheit gewinnen und höheres Durchsetzungsvermögen erlangen?

Hermann: Wenn das so einfach wäre! Im Buch beschreibe ich die Zusammenhänge und behaupte, dass unsere „wahre“ Identität in unserem Selbstbewusstsein sitzt und durch das „Wie sehe ich Denken1mich selbst?“ nicht ganz erfasst wird. Die ergänzende Frage „Was halte ich von mir selbst?“ führt uns zum Selbstwertgefühl, zum wichtigsten Teil unseres Selbstbewusstseins. Unser Selbstwertgefühl besteht aus bewussten und unbewussten Anteilen und ich zeige, wie man hinter beide kommen kann. Ich gehe darauf ein, wie Selbstwertgefühl und Selbstsicherheit zusammenhängen. Dass jeder Mensch einen Standardwert an Selbstachtung besitzt, der sich kaum verändern oder entscheidend verbessern lässt. Dass alle direkten Versuche, das Selbstwertgefühl aufzupäppeln, fast nie funktionieren. Und welche Möglichkeiten uns bleiben, Selbstzweifel loszuwerden, uns selbst zu akzeptieren und ein bisschen mehr zu mögen.

Ein tragfähiges Selbstbewusstsein ist die Voraussetzung für ein selbstbewusstes Auftreten. Mensch mit gesundem Selbstbewusstsein strahlen Selbstsicherheit aus und sind durchsetzungsfähig.

HSP: Welche 3 Tipps hast Du für unsere hochsensiblen Leser auf dem Weg zur Selbsterkenntnis?

In meinem Buch fasse ich die Ergebnisse zur Identitätssuche in zwölf Navigationshilfen zusammen. Für Hochsensible sind drei besonders wichtig:

1. Seien Sie sich selbst bewusst.

Geben Sie sich eine überzeugende Antwort auf die Wie-bin-ich-Frage. Entdecken Sie sich selbst. Seien Sie sich Ihrer Einzigartigkeit bewusst. Verwandeln Sie Ihre vermeintlichen Schwächen in Chancen. Wuchern Sie mit Ihren außergewöhnlichen Gaben, die Sie als hochsensibler Mensch besitzen und die den Normalos fehlen. Bringen Sie Ihr Potenzial in passenden Betätigungsfeldern zur Wirkung und sich zur Geltung. Die Schauspielerin Heike Makatsch: „Ich habe gelernt, Ja zu sagen und in den richtigen Momenten auch Nein. Der einzige Kompass, den ich habe, bin ich selbst.“

2. Entziehen Sie sich der Tyrannei des Vergleichs

Vergleichen Sie sich nicht dauernd mit anderen, um sich überlegen oder unterlegen zu fühlen. Feiern Sie lieber Ihr eigenes Leben. Falsche Vergleiche drängen uns in die Rolle des Verlierers. Der Lebenskünstler vergleicht sich mit den richtigen Leuten. Die Schauspielerin Fritzi Haberlandt: „Ausstrahlung ist, wenn man in der Welt steht und mit dem, wie man ist und was man macht, zufrieden ist. Niemand anderer sein zu wollen – das ist das Geheimnis.“

abenteuer13. Kennen und testen sie Ihre Grenzen

Seien Sie sich als Hochsensibler klar darüber, wo Ihre Stärken, aber auch wo Ihre Grenzen liegen. Das bewahrt Sie vor Abstürzen und lässt Sie, wenn nötig, nach Hilfe suchen. Testen Sie aber auch Ihre Grenzen, nur so entwickeln Sie sich weiter. Der Schriftsteller Sten Nadolny: „Wenn du etwas kannst, dann nicht nur deshalb, weil du es geübt hast, sondern auch, weil du es gewagt hast.“

HSP: Herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

Dr. Hermann Rühle, www.dr-ruehle.de, Autor von „Was bin ich? Wie bin ich? Wozu bin ich?“

 

7 Kommentare

  1. Gehöre ich zu den Hss ,keine Ahnung,irgendetwas aber bewegt mich sehr oft in letzter Zeit darüber nachzudenken..ich befasse mich oft mit dem Thema ,Selbstwert ,Selbstbewusst..sehr schwierig für mich den richtigen Weg dahin zu finden…

  2. Ich habe den Mut, anders zu sein.
    Ich wohne anders, ich esse anders, ich kleide mich anders, ich höre andere Musik, ich verweigere mich den angesagten Dingen.
    Ich hab den Mut dazu – aber ich bin 75! Und ich war 70 Jahre auf der Suche, wie ich mein eigentliches Ich in den schnödel Alltag integrieren kann.
    Erst seit ich alleine lebe, lebe ich mein Ich!
    Die Jahrzehnte zuvor hab ich mich angepasst – erst war ich ein braves Kind, dann eine brave Ehefrau, dann eine verständnisvolle Mutter und schließlich hab ich mich den Gegebenheiten des Lebens gefügt. Die Betreuung der Eltern, die Pflege des Mannes….
    Ich war stets auf der Suche und wusste nicht so genau wonach…..

    Dann hab ich erfahren, daß ich wohl zum Kreis der Hochsensiblen gehöre und von da an gings bergauf.

    Es ist gut, so wie es war und es ist gut, so wie es ist!

    1. Sie haben meine volle Bewunderung.
      Es ist nie zu spät zur Erkenntnis zu gelangen. Das normale Umfeld hat Schwierigkeiten damit umzugehen.
      Es ist schön andere HSP im weiteren Umfeld kennen zu lernen und ich fühle oder wir fühlen eine innere Verbundenheit.

  3. Ich weiß nicht,ob ich hoch sensibel, sensibel oder ein gefühlsgestörter,eher wenig sensibler Mensch bin. Vieles oben genanntes,kenne ich. Jedoch kann ich,trotz meines reiferen Alters nichts adäquates sagen. Ich habe nichts außergewöhnliches geschaffen,keine Kinder,keine Familie gegründet. Beziehungen hielten nie lange da ich nie sicher war,ob sie es wirklich IST. Das Gefühl zu Lügen,das unerträgliche Überwiegen negativer Gefühle,ließ alles scheitern. Ich gebe ungern auf und so lese ich viele Bücher,versuche noch immer und womöglich bis zum letzten Atemzug dieser Welt inhaltlich,mir eigenes abzugewinnen. Das hetzende Suchen im Außen,gab ich,mehr und mehr entschleunigend auf. Was bleibt und tatsächlich sinnstiftende Wirkung erzielt,ist die Meditation, Visioalisieren und das “ Sich- bewusst- Machen des unausweichlichen Todes“ ( aus buddhistisch- schamanistischen Traditionen) MfG. Dirk Timm

    1. es gibt coaches, die selsbt HSP sind und auch darauf spezialisiert, ebensolche zu begleiten.
      vll. wäre es eine idee, sich mal eine session zu gönnen – die können dann einschätzen, was
      stimmt, und es hilft einem weiter, sich besser wahrzunehmen und einzuordnen.
      alles gute!

    2. Ich kann das alles sehr gut nachempfinden.

      Ich hab in meinem Leben viele Dinge erlebt.
      Scheinbar traumatisiert mich einiges vieeeeeel stärker als z.B. meinen Mann.
      Oft fühl ich mich missverstanden, kürzlich kam zum zweiten mal ich steiger mich rein.
      Dabei möcht ich gar keinen überzeugen.

      Meine Einstellung hab ich schon so häufig hinterfragt, auch was Erziehung angeht, Politik, meine Weltanachauung…

      Manchmal brauch ich so viel Ruhe, die mir nicht vergönnt ist, das ich fast daran zerbrech, …
      Bei mir müsste draufstehen vorsicht zerbrechlich…

      Oft bin ich derart vor den.Kopf gestoßen, wenn ich sinnloses aufhetzen anderer lesen muss und hab mich jetzt erneut aus einem chat abgemeldet.

      Bin ich nicht gemacht für sowas?
      Manchmal verzweifele ich an.dem Unmut, den manche Aussagen im allgemeinen oder über mich gemacht werden.
      Wie soll man hochsensibles schätzen, wenn man es nicht aushält? Selbstzeifelnd mit Sicherheit mir auch bewusst, dass ich versuche das beste im Alltag zu machen und sinnstiftend meinen Kindern Vorbild und der Welt höchstens etwas wertvolles hinterlassen wollend verbleib ich tiefversunken in meiner Insel auf die ich mich gedanklich zurückzieh, wenn ich die Möglichkeit dazu habe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.