Warum Hochsensible die Gefahr der eigenen Komfortzone unterschätzen

Hochsensible Personen (HSP) fühlen sich in ihrer Komfortzone besonders wohl, schützt sie sie doch vor unerwünschten Übergriffen aus dem privaten oder beruflichen Umfeld. Häufig wird die Komfortzone mit steigenden Lebensalter systematisch ausgebaut. Die eigenen vier Wände werden bequem ausgestaltet, nur ein ausgewählter Kreis an Personen hat hier Zutritt. Doch ist das der Hochsensibilität auf Dauer überhaupt zuträglich?

Die eigenen vier Wände: gemütliche Atmosphäre und gut gefüllter Kühlschrank

Ihren Wohnraum passen HSP gern besonders ihren hohen Anforderungen nach Erholung und Ruhe an. Hier spielen Licht, Farbtöne aber auch bequeme Möbelstücke wie die Lieblingscouch oder eine hervorragende Matratze im Bett eine wichtige Rolle. Auch ein prall gefüllter Kühlschrank mit den Lieblingsspeisen gehört dazu. Allerdings bedeuten Einkäufe in überfüllten Supermärkten für HSP Stress. Riesige Produktvielfalt, leise aber permanente musikalische Untermalung aus dem Hintergrund, die unterschiedlichsten Menschen die sprechen, agieren, nach diversen Duftelementen riechen … Für die hochsensible Komfortzone heißt es jetzt, Gedanken zusammen, um ja nichts zu vergessen. Schließlich sollte der Einkauf möglichst viele Tage reichen, um den nächsten stressigen Einkauf weit aufschieben zu können.

Job: entspannte Arbeit im Home Office

Hochsensible Angestellte sorgen mit der Arbeit im Home Office für den Ausgleich zur Reizüberflutung im Großraumbüro. Hochsensible Selbstständige richtigen sich ihr Arbeitszimmer oder ihr Büro nach individuellem Gusto ein. Das Home Office bietet HSP vielfältige Vorteile: anstrengende Kollegen, unbequeme Bürostühle und laute Telefongeräusche werden hier umgangen. Flexible Arbeitszeiten, freie Zeiteinteilung inklusive freigestalteter Pausen (Spaziergang, Lieblingsessen, Yoga … ) lassen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit fließend werden.

Zwischenmenschliche Kontakte: Umgang mit ausgewählten Menschen

Ähnlich wie in der Berufswelt suchen HSP instinktiv auch im Privatleben nach Gleichgesinnten, entweder nach anderen Hochsensiblen oder Menschen, die Entgegenkommen für die Hochsensibilität zeigen. Irgendwie auch praktisch, wenn Verständnis für die hochsensible Naturell gezeigt wird und bestimmte Grenzen nicht überschritten werden. Auf Dauer allerdings auch schrecklich langweilig, denn nicht nur Diskussionen, sondern auch konstruktive Kritik bleibt unter Umständen unausgesprochen.

Komfortzone vs. Potentialentwicklung

Die vier Wände sind gemütlich, der Kühlschrank stets gut gefüllt, die Arbeit im Home Office optimiert und der zwischenmenschliche Kontakt auf Gleichgesinnte reduziert. Eigentlich der hochsensible Idealzustand, wenn HSP darüber nicht bequem werden würden.  Hier lauert die Gefahr der Komfortzone. Ungeahnt macht sich dann plötzlich eine innere Unzufriedenheit breit. Hochsensible benötigen Abwechslung und Anerkennung von außen sowie den Umgang mit vielfältigen Menschen, um sich dauerhaft wohlfühlen zu können. Dazu gehört auch ein gesundes Maß an Reizen durch die Außenwelt. Hier handelt es sich natürlich nicht ausschließlich um positive Erfahrungen. Auch auf den ersten Blick negative Ereignisse, wie beispielsweise Streitgespräche, machen es möglich, die Potentiale der eigenen Hochsensibilität weiter zu entwickeln. Klingt zunächst paradox, aber mit wachsender Erfahrung können hochsensible Eigenschaften wie eine ausgeprägte subtile Wahrnehmung, Empathie, Gerechtigkeitssinn oder ausgeprägtes intuitives Denken so weiter trainiert werden. Hochsensible die das für sich erkannt haben, können oft auch gut eine gewisse Zeit mit Menschenmengen, lauten Geräuschen, kontroversen Gesprächen u. v. m. umgehen, ohne das es gleich zu einer Reizüberflutung kommt. Der bewusste Umgang mit anregenden Reizen sorgt für neue Inspirationen und systematische Weiterentwicklung.

Sandra Tissot, Autorin von „Hochsensibilität und die berufliche Selbstständigkeit“

6 Kommentare

  1. Hallo Sabine,
    es ist wichtig eine individuelle Balance zu finden, zwischen Auszeiten – wie du sie beschreibst – und den Anforderungen – die auch als brutal bzw. sehr ausgrenzend- erfahren werden. Es gibt neben dem biologischen Abwehrtraining auch ein mental-emotional-intuitives. Ich coache Schwerpunktmässig HSP und bin beeindruckt, wie viel Kraft sie entwickeln mussten um „Lebensabenteuer und Leid“ zu bewältigen. Oft ist ihnen die Wichtigkeit eines Komfortsofas in der Getriebenheit dieser Ereignisse dann „nur“ zu überleben auch gar nicht bewusst. Oder sie fangen an die Komfortzone abzulehnen. Mich ärgert oft die „Klassifizierung zu Nur-Weicheiern & Sensibelchen“; weil es einfach bei „Normalwahrnehmenden“ in deren Robustheit ganz andere Lösungen geben kann oder gibt. Dein Buch ist eine Bereicherung – vielen Dank.
    Herzlich Cornelia Rosina Wunder

  2. Hallo Sandra,

    Du beschreibst m.E. die Gradwanderung zwischen HSP und dem Leben, wie es nun mal ist. Und ein wichtiger Faktor ist es, um die eigenen Befindlichkeiten zu wissen und sie auch zu beachten.

    Doch genauso wichtig ist es, zu lernen, sich im Alltag regulieren zu können. Wenn ich das mehr und mehr lerne, dann habe ich das Beste aus beiden Welten integriert. Und kann die Vorteile meiner Hochsensibilität auch nutzen – in meiner Weise.

    Herzliche Eifelgrüße,

    Karen Seelmann-Eggebert

  3. Sehr schöner Artikel, liebe Sandra. Das unterschreibe ich glatt – nur wenn man sich auch mal was traut, kann man wachsen. Ich fordere mich immer wieder mal heraus, auf der Kirmes zum Beispiel, oder dem CSD 🙂 Und es ist wirklich ein ganz besonderes Gefühl zu merken, ich kann diese an sich schwierige Situation sogar genießen! Dieser Triumph ist allerdings in jeder Situation immer wieder neu und muss ich mir jedes Mal neu erkämpfen – nur die Gewissheit, dass es gehen kann, wird größer.

    Herzliche Grüße,
    Monika

    1. Danke liebe Monika, es ist, wie Du es beschreibst, der Triumph ist in jeder Situation neu und ich muss ihn ebenfalls immer erst erkämpfen. Desto öfter ich bestimmte Situationen durchlebe, umso mehr stellt sich diese Gewissheit ein, die Du schön beschreibst.

      viele liebe Grüße
      Sandra

  4. Hallo Sandra, ich habe Deine Post aufmerksam gelesen. Ja und Du hast Recht, am liebsten würde ich mich nur noch in meiner Komfortzone bewegen. Leider hat das Leben mir da aber eine Streich gespielt. 16 Jahre lang wurde ich schlimmen Schicksalsschlägen, manigfaltigen Hindernissen und diversen Lebenskämpfen ausgesetzt. Eine Zeitlang habe ich sogar im Wald gewohnt und konnte mich nur sehr langsam ins Leben zurückkämpfen. In dieser sehr schwierigen Zeit, wo mich Freunde, Eltern und meine Wahlfamilie einfach im Stich gelassen haben, habe ich viel durchgemacht, viel gelernt und manches über mich erfahren dürfen. Denn mein hochsensibles Nervensystem ist durchaus in der Lage schlimmste Situationen und Gefühlmuster durchzustehen, auch soetwas für unsereins kaum auszuhalten ist. Heute kann ich mit sehr viel mehr Widrigkeiten umgehen und bin trotz Kaufhaus, trotz Menschenmengen und dergleichen mehr recht robust geworden und coache heute auch Nicht-HSPs in den Bereichen ganzheitl. Lebens- und Berufsberatung mit wachsendem Erfolg.

    Fazit: Auch HSPs sind unter extremen Belastungen lernfähig Ihre hochsensitiven Empfindungen zu trainieren.

    In diesem Sinne Alles Gute für Dich.

    Lg Wolfgang Conzen

    1. Lieber Wolfgang,
      vielen Dank für Deine offenen und sehr authentischen Zeilen. Es ist schön zu wissen, dass es auch unbekannter Weis HSP gibt, die an den Herausforderungen nicht zerbrechen, sondern wachsen. Zugegeben, die Komfortzone ist aber auch was Herrliches und auch ich bewege mich sehr gern in ihr. Nur ist der Ausbruch ab und an wichtig und auch notwendig, um neue Inspirationen zu sammeln und sich weiterentwickeln zu können.
      Ich wünsche Dir alles Gute und weiterhin viel Erfolg bei Deiner Arbeit als Lebens- und Berufsberater.
      liebe Grüße Sandra

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.