Unternehmensgründung und -leitung für Hochsensible

(Von Stephan Gerd Meyer)

Hochsensible Personen haben eine besonders intensive Wahrnehmung auf verschiedenen Sinneskanälen, sie „kriegen mehr mit“ und interessieren sich für größere Zusammenhänge als andere. Dementsprechend haben sie auch immer wieder besonders viele Eindrücke zu verarbeiten. Das kostet Kraft, kann leicht zur Erschöpfung führen und erfordert, die eigenen Lebens- und Arbeitsumstände der Hochsensibilität entsprechend zu gestalten. Insofern bietet die Selbstständigkeit gerade hochsensiblen Menschen ganz wesentliche Vorteile. Hier kannst du selbst entscheiden, wieviel Frei- und Spielraum dir zur Verfügung steht, um deine eigenen Talente zu leben und deinen körperlichen, geistigen und seelischen Bedürfnissen gerecht zu werden:

  • Deine Arbeitsbedingungen, -orte und -zeiten kannst du selbst auswählen
  • Deine überdurchschnittliche Sensitivität ist für Kunden und Partner von hohem Wert
  • Dein gutes Gespür für Stimmungen und Situationen zahlt sich wortwörtlich aus
  • Anstatt dich anzupassen kannst du dein Geschäftsmodell variieren und gestalten

Besonders gut geeignet sind alle sozialen und kreativen Geschäftsfelder, die unmittelbar mit Menschen oder mit „menschlichen Themen“ zu tun haben: Beratung, Coaching, Therapie, Pädagogik, Kunst, Kultur, Literatur, Design, etc.

 

Lebe Dein Potenzial

Die Selbstständigkeit ist für Hochsensible eine wunderbare Möglichkeit, das eigene Potenzial auszuleben. Das macht viel Spaß, spart jede Menge Energie und zieht im besten Fall auch noch genau die richtigen Kunden und Partner an. Hochsensible haben gerade hier den großen Vorteil, genau hinzusehen und ein stimmiges Gefühl dafür zu entwickeln, was gut zu ihnen passt und was sie in jedem Fall vermeiden sollten.

Wenn Hochsensible ein Unternehmen gründen oder leiten ergeben sich immer wieder die gleichen offenen Fragen. Sie drehen sich nicht nur um die Inhalte und Strukturen des Unternehmens, sondern vor allem um die persönliche Eignung:

„Kann ich das, schaffe ich das, wie stelle ich es am besten an, hoffentlich merkt keiner dass ich …, was mache ich bloß wenn …“, etc.

Je mehr du recherchierst, umso mehr können dich die nüchterne BWL-Sprache und die vielen Regeln, Vorschriften, Gesetze und Verbote davon abhalten, das Wesentliche zu tun: deinem Herzen zu folgen.

 

Entwickle deine unternehmerische Persönlichkeit

Inwieweit du dich als Unternehmerin oder Unternehmer für dein geschäftliches Vorhaben wirklich eignest, hängt vor allem von deiner unternehmerischen Persönlichkeit ab. Aus einer realistischen Einschätzung deiner Stärken und Schwächen in den unternehmerisch entscheidenden Persönlichkeitsanteilen lassen sich wertvolle Schlüsse für die weitere Planung und Entwicklung deiner Unternehmensstrategie ableiten. Vorhandene Stärken kannst du effektiv einsetzen sowie Fehlentscheidungen und -planungen vermeiden. Das ist für Gründerinnen und Gründer vor und während der Gründung sowie Unternehmerinnen und Unternehmer in Wachstums- oder Krisensituationen gleichermaßen erfolgsentscheidend.

Auch dein unternehmerisches Mindset spielt eine entscheidende Rolle. Es besteht aus Glaubenssätzen, Gewohnheiten, Perspektiven und Denkweisen, aus denen sich wiederum individuelle Deutungs- und Verhaltensmuster entwickeln. Sie prägen die Art und Weise, wie du die Welt wahrnimmst und welche Schlüsse du daraus ziehst. Bestimmte Haltungen und Herangehensweisen werden besonders häufig als wichtige Grundlage für unternehmerische Erfolge genannt. Die meisten davon werden dir als Hochsensible Person gut vertraut sein, weil genau hier wesentliche Stärken der Hochsensibilität liegen:

  • Geduld und Durchhaltevermögen
  • Glaube an sich selbst
  • Bereitschaft, zu investieren (Zeit, Geld, Energie)
  • Starker Wille und aktiver Einsatz
  • Orientierung an Zielen und Handlungsplänen
  • Nach Misserfolgen wieder aufstehen
  • Rückhalt in Familie/Partnerschaft
  • Fairer Austausch/Geben und Nehmen
  • Gewohnheiten und Komfortzone verlassen
  • Orientierung an Gegenwart und Zukunft
  • Wichtiges stets sofort angehen
  • Anspruch an Professionalität
  • Bereitschaft, Konventionen zu sprengen
  • Wissen, was man will
  • Sich Unterstützung holen
  • Freude am Lernen
  • Prioritäten setzen

 

Teste Dich selbst

-> Bewerte alle oben genannten Mindset-Anteile mit Plus (+) für gut/stark oder Minus (-) für wenig/schwach, so wie sie bei dir entwickelt sind.
-> Dann frage dich, welche Vor- bzw. Nachteile die erhobenen Stärken und Schwächen für die folgenden Elemente deines Unternehmens haben, sofern du dazu bereits konkrete Vorstellungen entwickelt hast:

  • Geschäftsplan
  • Geschäftsmodell
  • Unternehmerrolle und -aufgaben
  • Führung und Management
  • Mitarbeiter bzw. Team
  • Organisation und Infrastruktur
  • Angebote (Produkte/Dienstleistungen)
  • Zielgruppen
  • Akquise und Vertrieb
  • Marketing und PR
  • Kooperationen und Netzwerke
  • Ziele, Meilensteine, Zeitplan
  • Umsetzungsstrategie

-> Alle Übereinstimmungen der Mindset-Anteile mit den wesentlichen Elementen deines Unternehmens bestätigen dein Vorhaben.
-> Alle kritischen oder negativen Gegenüberstellungen solltest du überprüfen und in Form geeigneter Maßnahmen „entschärfen“.

  Beispiele:

  • Du hast eine hohe Bereitschaft, Konventionen zu sprengen und wirst schnell ungeduldig. Dein Geschäftsmodell basiert aber vorwiegend auf Netzwerk- und Teamarbeit. In diesem Fall solltest du für das Geschäftsmodell bzw. deine Rolle darin nach Alternativen suchen und/oder das Erlernen von Geduld, Kooperation und Flexibilität mit hoher Priorität angehen. Das kannst du beispielsweise in Online-Games, beim Volleyball-Spielen oder in der Solidarischen Landwirtschaft trainieren.
  • Deine Orientierung an Zielen und Handlungsplänen ist schwach ausgeprägt, deine Fähigkeit und Bereitschaft, dir Unterstützung zu holen, ebenfalls. Deine Produkte und Angebote bedingen aber komplexe Vertragsgestaltungen: In diesem Fall brauchst du Mitarbeiter oder Partner, die in Eigeninitiative den administrativen Bereich zuverlässig managen, z.B. als Geschäftspartner oder Dienstleister.
  • Als besondere Stärken haben sich deine Bereitschaft zu investieren und deine Orientierung an Fairem Austausch/Geben und Nehmen erwiesen. Um das Vorhaben eines Online-Shops erfolgreich zu verwirklichen, kannst du diese Stärken optimal für den Aufbau deines Teams, die Gewinnung von Kooperationen und für interaktives Social Media Marketing einsetzen.

Gestalte Dein Geschäft

So kannst du von Beginn an mit möglichst wenig Aufwand bestmögliche Ergebnisse erzielen. Deine Stärken als HSP kommen voll zur Geltung und deine persönlichen Grenzen werden bestmöglich berücksichtigt. Die Mühe lohnt sich, wenn es dir gelingt, dein Geschäftsmodell optimal an deinen Stärken und Grenzen auszurichten. Dann kannst du entspannt „dein Ding machen“ ohne dich um Themen zu sorgen, die für dich und dein Geschäft gar keine Rolle (mehr) spielen. Dein Unternehmen entspricht deiner hochsensiblen Persönlichkeit und entwickelt von Anfang an seine wertvolle Einzigartigkeit. Daraus dann eine unverwechselbare und attraktive „Marke“ zu entwickeln ergibt sich teilweise schon von selbst.

Stephan Gerd Meyer, Integraler Unternehmercoach für Existenzgründer und Selbstständige, www.stephangerdmeyer.de

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