Let’s talk about Sex – ein hochsensibles Thema?

(Von Johanna Ringe)

Über realen Sex, den Sex, der in Deinem Schlafzimmer passiert. Du windest Dich innerlich ein bisschen? Klar, das kennen wir alle: das ist ein schwieriges Thema für fast alle Menschen in unserer Gesellschaft… dieses Fass will ich hier gar nicht aufmachen. Mir geht es (fast) nur um den Sex von und mit Hochsensiblen.

Mit Hochsensiblen kann Intimität oft komplizierter sein, muss es aber nicht. Im Gegenteil.

Wir sind prädestiniert für ein erfüllendes sinnliches Erleben. Unser hochsensibles System kann feinste Reize differenziert wahrnehmen und noch die sanftesten Berührungen erspüren. Oft spüren wir Dinge schon, bevor sie dann geschehen und sind fähig zu intensivsten Reaktionen, sprich Orgasmen. Ein Hochsensibler, der sich und seinen Körper kennt und liebt, kann seine Sexualität genießen. In diesem Satz stecken schon die wichtigsten Aspekte drin, die im Übrigen für jeden Menschen gelten: seinen Körper mit allen Besonderheiten und Bedürfnissen muss man gut kennen, um sich in ihm wohl zu fühlen, und in ihm gute sexuelle Begegnungen mit anderen Körpern zu haben. Außerdem gilt es, den eigenen Körper mit allen vermeintlichen Unzulänglichkeiten zu lieben. Denn nur dann kann ich mich frei fühlen in der Begegnung mit anderen Körpern, ob beim Sport, am Strand oder eben im geteilten Bett.

Dazu kommen die Phantasie und das Einfühlungsvermögen…

Der Erfindungsreichtum der Hochsensiblen bringt auch in die Sexualität Außergewöhnliches ein. Unter den Hochsensiblen gibt es viele experimentierfreudige oder „andersartige“ sexuelle Erscheinungsformen, von unterschiedlichsten Spielarten wie beispielsweise BDSM über Poly-, Homo-, Bi-, Trans- oder Pansexualität bis hin zu ungewöhnlichen Partnerschaftsformen und damit einhergehenden Lebensweisen. Ob unter demselben Dach oder in verschiedenen Städten, ob zu zweit, zu dritt oder zu mehreren… wenn der Mensch sich erst einmal über seine persönlichen Wünsche und Besonderheiten im Klaren ist, dann ist vieles möglich.

Es gilt den großen Schritt zu wagen, Dich selbst wirklich so zu leben, wie Du Dich fühlst.

Der Weg dorthin ist oft verstellt von den anerzogenen und unbewusst übernommenen Glaubenssätzen und moralischen Vorstellungen. Diese zu hinterfragen und gegebenenfalls abzustreifen wie eine zu klein gewordenen Haut ist einer der wichtigsten Schritte.

Lerne zu unterscheiden, was wirklich Deins ist, und was Du übernommen hast, oder welche Gefühle Du gerade von Deinem Partner empfängst. Lerne Deine eigene Sensibilität zu lesen. Deine Grenzen zu wahren ist gerade beim Sex gleichzeitig superwichtig und schwer. Es ist ein lohnender Lernprozess. Vielleicht einer der Gründe dafür, dass der Sex in vielen Beziehungen über die Zeit immer besser wird. Das liegt aber auch daran, dass Hochsensible verlässliche Umfelder mögen, und in Sicherheit aufblühen*. (Wenn also nach dem Umzug in die neue Wohnung der Sex erst einmal an ungewohnten Geräuschen aus der Nachbarschaft scheitert, nicht verzweifeln sondern durchhalten!)

Auch die Partner müssen erst lernen, mit diesem so anderen Menschenwesen zurecht zu kommen.

Da hochsensible Menschen oft von ihren eigenen Gefühlen geradezu überwältigt werden, und dazu tendieren, sich mehr den Bedürfnissen ihres Gegenübers zu widmen als den eigenen, ist sich zu Verlieben oft ein totaler Ausnahmezustand. Die hohe Sensibilität und die längere Verarbeitungszeit, der lange Nachhall von Erlebnissen, werfen uns zu Beginn einer neuen Beziehung oft aus der Bahn. Manchmal wird die eigene Intensität als beängstigend empfunden. Genauso erschrickt vielleicht auch der nicht hochsensible Gegenpart.

Die Besonderheiten des Sex bei Hochsensiblen:

Beziehungen zwischen Hochsensiblen können himmlisch, geradezu verschmelzend sein, aber auch höllisch anstrengend, da sich vieles potenziert. Zu intensive Stimulation oder zu direkte Reize führen oft dazu, dass die Erregung schlagartig verschwindet. Genauso wie Ablenkung durch Geräusche etc. Sexuelle Anspielungen müssen subtil sein und oft ist ein tiefes ehrliches Gespräch erregender als jede absichtsvolle Stimulation. Um einen hochsensiblen Partner sexuell glücklich zu machen, muss man selbst sehr sensibel werden für Nuancen und Erregungsniveaus. Es gilt sich einzulassen, die Belohnung ist eine weitaus intensivere Sexualität.

Das Geheimnis glücklich befriedigter Hochsensibler…

Das große Geheimnis? Ist keines. Lerne Dich selbst gut kennen und kommuniziere offen. Das ist schon alles, wirklich!

Finde heraus wer Du wirklich bist, und zeige Dich dann. Wo könnte man das besser üben als im geborgenen Vertrauen einer Partnerschaft? Offen zu sagen, was Du möchtest, was angenehm ist, und was dir nicht gefällt, ist das Wichtigste. Selbst wenn Du als HSP viele Reaktionen Deines Partners deuten kannst, mach Dich bitte frei von der Idee, dass im Bett Gedanken gelesen werden. Es werden Reaktionen beobachtet und interpretiert – und dabei gibt es eine große Fehlerquote. Erspart Euch das, indem ihr den Mund aufmacht, und über Eure Wünsche und Bedürfnisse redet. Also: redet miteinander, kommuniziert Wünsche, bestätigt Annahmen… tauscht Euch aus.

Das ist anfangs vielleicht merkwürdig, kann aber derart bereichernd auf Eure Sexualität wirken, dass es sich definitiv lohnt, den Mund aufzumachen!

Ganz zu schweigen davon, dass ein ehrliches Gespräch über das, was den Beteiligten beim Sex gefällt oder fehlt, eines der anregendsten Vorspiele ist, die die Menschheit sich bisher hat einfallen lassen…

Johanna Ringe, Psychosoziales Coaching, www.dein-buntes-leben.de

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