Hochsensibler Nachwuchs

Aus Angst vor Kontrollverlust, Einengung und lebenslanger Verantwortung verzichten viele Hochsensible auf Nachwuchs. Zu unsicher scheint die Zukunft mit Kindern und zu groß der Respekt davor, dass der Nachwuchs ebenfalls hochsensibel sein könnte.

Bewusste Entscheidung zum eigenen Nachwuchs

Ähnlich, wie manche Hochsensible ein Leben lang von der beruflichen Selbstständigkeit träumen, aber den Schritt aus den unterschiedlichsten Gründen nie wagen, gibt es zahlreiche HSP, die in ihrer Fantasie ein Leben mit Kindern durchspielen, aber nie eigene Kinder bekommen. Zunächst liegt die Entscheidung natürlich bei jedem selbst. Spielen Hochsensible aber immer wieder mit den Gedanken an Nachwuchs, sollten sie sich ihre eigenen Ängste einmal näher betrachten. Erfahrungen hochsensibler Eltern, die sich bewusst für eigenen Nachwuchs entschieden haben, können ein ganz eigenes Bild zeichnen.

Vollkommen neue Lebenssituation

Hochsensible spüren bereits während der Schwangerschaft eine außergewöhnliche Verbindung zum eigenen Kind. Doch die Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten, die in dieser Zeit noch möglich sind, werden bereits kurz nach der Geburt schmerzlich vermisst. Zu groß ist die Umstellung, die von heute auf morgen das komplette Leben auf den Kopf stellt. Insbesondere dann, wenn der neugeborene Nachwuchs bereits in den ersten Stunden hochsensible Wesenszüge an den Tag legt. Das ausgeprägte Bedürfnis nach Schutz, Nähe und Geborgenheit und die damit einhergehende Unruhe, sobald die Eltern nicht in spürbarer Nähe sind, können erwachsene HSP an den Rande des Nervenzusammenbruchs treiben. Allerdings kommt an dieser Stelle das, für Hochsensible wichtige Thema der Resilienz zum Tragen. Nur wenn sich Hochsensible in ihrem Leben bestimmten Situationen stellen, können sie daran auch wachsen. So schwierig die erste Zeit mit hochsensiblen Nachwuchs auch sein mag, umso größer ist der Lohn nur kurze Zeit später.

Kleine Empaten erobern die Welt

Hochsensible Kleinkinder verfügen bereits im Alter von etwa 3 Jahren über außergewöhnliche Intuition und eine ausgeprägte Auffassungsgabe. Diese wird beispielsweise durch ein ausgeprägtes Sprachvermögen deutlich. Nicht selten werden Eltern gleichaltriger Kinder darauf aufmerksam und wundern sich, welche Fähigkeiten ein hochsensibles Kind besitzt. Hochsensible Eltern hingegen erfreuen sich lieber im Stillen und in den zahlreichen wunderbaren Momenten mit dem eigenen Kind daran, wie farbenfroh die Welt unbedarfter Hochsensibler sein kein. Hier kann es bereits morgens nach dem Aufwachen zu den tiefgreifendsten Augenblicken kommen, wenn der hochsensible Nachwuchs sich tatsächlich in sämtlichen Einzelheiten an den nächtlichen Traum zurückerinnern kann und diesen in so eindrucksvollen Farben beschreibt, dass eine kleine Fabelwelt entsteht. In einer kleinen intakten Familienwelt kann sich ein hochsensibles Kind mitteilen und fühlt sich verstanden. Natürlich gibt es auch für hochsensiblen Nachwuchs Rückschläge. So schüchtern und introvertiert das Kind für Außenstehende zunächst wirken mag, so fulminant kann die Explosion sein, die auf eine direkte Enttäuschung (aus Erwachsenensicht meist ausgelöst durch Kleinigkeiten) folgt. Meint es jemand im Umfeld nicht ernst oder ist jemand unaufrichtig, schlagen die hochsensiblen Antennen des Kindes sofort Alarm. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die hochsensiblen Eltern. Diese können die Emotionen des Kindes zwar in allen Fassetten nachempfinden, müssen dabei aber aufpassen, dass es nicht zu einer Überidentifizierung mit dem eigenen Kind kommt. Aus diesem Grund sind auch „Auszeiten“, in denen hochsensible Eltern sich Rückzugsmöglichkeiten schaffen, wichtig. Was auf den ersten Blick hart klingen mag, schafft neue Energie und stärkt das Verhältnis zwischen Eltern und hochsensiblem Nachwuchs zusätzlich. Amüsanterweise haben gerade hochsensible Kinder Verständnis dafür, da sie sich selbst nur zu gern, tief versunken im Spiel mit sich selbst, in ihre ganz eigene Welt zurückziehen.

Pure Lebensfreude

Im Laufe der Jahre entsteht eine hochsensible Symbiose mit all ihren Höhen und Tiefen. Diese Symbiose ist ein wahrer Motor für Hochsensible, denn sie generiert pure Lebensfreude. Die sichere Erkenntnis dabei: Es muss und wird immer hochsensible Erwachsene geben, die sich bewusst für Nachwuchs entscheiden und das ist auch gut so. Wie sonst sollte die Welt all die Hochsensiblen, mit ihren wunderbaren Fähigkeiten, hervorbringen?

Sandra Tissot, Autorin von „Hochsensibilität und die berufliche Selbstständigkeit“

5 Kommentare

  1. Vielen Dank für den Artikel, liebe Sandra Tissot!
    Auch ich habe lange überlegt, ob ich ein Kind in diese Welt setzen soll, wo ich selbst als Kind doch so viele negative Erfahrungen gemacht habe, sei es in der Familie, in der Schule, im Freundeskreis.
    Dann hab ich es darauf ankommen lassen, mit dem Vater war ich in einer Fernbeziehung, der auch ein Kind wollte. Und es hat direkt geklappt! Ein Frühchen und hochsensibles Kind! Ich war von Anfang an gefordert als quasi alleinerziehende und auch hochsensible Mama. Ich stand einige Male kurz vor dem Nervenzusammenbruch, einfach wegen fehlender Rückzugs- und Regenerationszeiten.
    Aber mein Kind hat mir auch sehr viel Freude, Leichtigkeit, bedingungslose Liebe und die Heilung meines inneren Kindes zurückgegeben. Aber ein Netzwerk ist superwichtig. Wir sind aktuell auf der Suche nach einer Wohn- und Lebensgemeinschaft mit einer anderen hochsensiblen Mama mit Kind. 🙂

    1. Liebe Annette, vielen Dank für Deine Zeilen und Deine ehrlichen Worte. Ich kenne die von Dir beschriebene Situation sehr gut, gerade nach der Geburt hatte ich Tage, an denen ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand, weil mir meine Rückzugsmöglichkeiten von heute auf morgen gefehlt haben. Ich habe gemeinsam mit meiner Tochter „neu laufen gelernt“ und bin dafür reichlich belohnt worden. Meine hochsensible Tochter ist heute 4 und wir haben einen guten Weg gefunden zu Dritt (gemeinsam mit dem empathischen Papa 🙂 ) unter einem Dach zu wohnen, ohne das sich einer von uns selbst auflösen oder „opfern“ muss. (Freiräume und bewusste Auszeiten sind dabei besonders wichtig) Mein Kind bereichert mein Leben jeden Tag aufs Neue und gemeinsam mit ihr entdecke ich so viele wunderbare Kleinigkeiten, die das „Hier und Jetzt“ einfach schön machen.
      Würde mich über einen Austausch sehr freuen, in meinem nahen Umfeld sind hochsensible Familien eher dünn gesät. 🙂 Schicke mir einfach eine Mail an: sandra.tissot@gmx.de
      Alles Weitere wird sich dann finden, so wie Du mich hier gefunden hast 🙂
      sonnige Grüße Sandra

  2. Auch ich danke Ihnen für diesen Artikel, ich liebe Kinder aber ich habe mich entschieden keine zu haben. Ich habe immer Angst gehabt, ich wäre keine gute Mutter, und dass ich restlos überfordert wäre. Ich habe letztes Jahr viel mit Flüchtlingskinder gearbeitet und ich habe zum ersten Mal in meinem Leben gemerkt, wie gut ich eigentlich mit Kindern umgehen kann. Auch meine Arbeitskollegen haben es angesprochen. Da habe ich mich gefragt, ob meine Entscheidung richtig war. Ich bin neu zu dem HSP Thema und erst jetzt wird mir viel klar. Alles wofür ich mich früher geschämt habe, sehe ich langsam in einem anderen Licht. Es wird aber noch eine Zeit brauchen, bis ich das ganze verstehen und akzeptieren kann.

    1. Liebe Rosa, ich weiß zwar nicht wie alt Sie bereits sind, aber es gibt viele (zur Adoption freigegebene) Kinder, die sich liebevolle, reife Ersatzeltern nur zu gern wünschen würden … 😉

  3. Vielen vielen Dank für diesen Artikel. Sie sprechen mir aus der Seele. Habe eine Tochter fast volljährig. Bin erst vor 2 Jahren durch ein Buch von Barbara Eger darauf gestossen das es HSP als Persönlichkeitsform gibt, damit haben sich all meine jahrelangen Rätsel mich, meinen Vater und warum nur wir uns so verstehen konnten der Rest der Familie über mich kommunizierte, seit dem lebe ich positiv. Das Schönste aber ist, dass meine Tochter mit dem Wissen um HSP aufwachsen kann und dies positiv erlebt. Freue mich auf weitere Artikel von Ihnen. Dankeschön

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