Hochsensibilität und Wu Wei – die Kunst nichts zu tun

(Von Monika Richrath)

Kennen Sie auch das Gefühl von totalem Stillstand in Ihrem Leben? Der absolute Frust, auf der einen Seite die Dinge, die Sie nicht mehr wollen, die Sie SO nicht mehr wollen, auf der anderen Seite eine nebulöse Zukunftsvision davon, wie die Dinge Ihrer Meinung nach sein sollten. Aber es geschieht NICHTS.

Das kann sich furchtbar anfühlen,

wie in einem Sumpf zu stecken, aus dem man sich einfach nicht befreien kann. Erst recht nicht, wenn Sie aktiv versuchen, etwas an Ihrer Situation zu verändern. Da eines der Merkmale der Hochsensibilität eine erhöhte Stressempfindlichkeit ist, kann es natürlich sein, dass Sie anfangen innerlich zu rotieren. Vielleicht fangen Sie an, fieberhaft zu überlegen, was Sie noch probieren können und was auch noch … Aber was immer Sie auch probieren, es funktioniert nicht. Es gibt keine Veränderung – oder wenn, dann nur zum Schlimmeren. Jetzt wissen Sie nicht weiter.

Relaxen_1200x627Eines haben Sie vielleicht noch nicht probiert: gar nichts zu tun. Loszulassen, die Hände in den Schoß zu legen und die Angelegenheit sich selbst zu überlassen. In China hat man dafür sogar einen Begriff:

Wu Wei

Dieser Begriff stammt aus dem Daoismus. Das Dao wird als Wirkprinzip für den Kosmos angesehen – eine Art schöpferische und ordnende Kraft, die allem zugrunde liegt und in die man möglichst wenig eingreifen sollte. Handlung soll erst dann erfolgen, wenn sie leicht und mühelos ist, blinder Aktionismus führt meistens nicht viel weiter (außer dass man sich beschäftigt hält).

Das Gras wächst nicht schneller,

wenn man daran zieht, lautet ein Sprichwort, das mir ausgesprochen gut gefällt und das ich mir tatsächlich dann und wann selbst aufsage. Theoretisch bin ich felsenfest davon überzeugt, dass es für alles eine richtige Zeit gibt. Praktisch ist das mit dem Nichtstun natürlich manchmal schwierig auszuhalten. Gerade, wenn man als hochsensibler Mensch schnell in Stress gerät und zu Kopfkino neigt.

Ich glaube auch daran, dass sich Dinge in Stille entwickeln, in dem unendlichen Raum des scheinbaren Stillstands. Jedenfalls habe ich schon häufig die Erfahrung gemacht, dass sich nach Zeiten des gefühlten Stillstands plötzlich neue Türen öffnen und es weiter geht. Vermutlich haben Sie selbst das auch schon erlebt. Mir fällt gerade ein, dass ich einmal gehört  habe, dass bei den Aborigines Menschen nach einer Krankheit einen neuen Namen bekommen, weil sie sich dadurch verändern und entwickeln. Das hat mir sehr gefallen.

Alles entsteht in Stille

Vielleicht brauchen unsere inneren Funken diesen vermeintlich leeren Raum um in uns zu wachsen und langsam, langsam und an die Oberfläche unseres Bewusstseins zu steigen?

Obwohl ich wirklich absolut dafür bin, täglich in dem minimalistischen Rahmen von zwei bis fünf Minuten über einen längeren Zeitraum zu klopfen, habe ich doch auch schon mehrfach die Erfahrung gemacht, dass es gut sein kann, eine Klopfpause einzulegen, einen Schritt zurück zu machen und dem Körper und Geist die Zeit zu geben, die Veränderungen zu integrieren. Das geschieht nämlich nicht über Nacht. Wenn ich dann wieder mit dem Klopfen anfange, habe ich bislang immer das Gefühl gehabt, dass sich meine Ausgangsbasis verändert hat, ich quasi auf einem höheren Level starte. Auch, wenn ich die Veränderung nicht immer konkret benennen kann (Das kommt auch hin und wieder vor). Etwas hat sich verändert, das reicht.

Loslassen

Nichts tun, bedeutet auch loszulassen, was immer gerade ist. Zu vertrauen, dass das richtige geschieht (auch wenn ich den Sinn gerade nicht sehe oder verstehe),Relaxen2_1200x627 egal wie schrecklich die Erfahrung ist, die ich gerade mache. Letzten Endes helfen uns alle Erfahrungen dabei, uns weiterzuentwickeln und zu wachsen, herauszufinden, wer wir sind und was wir eigentlich wollen – was häufig vielleicht gar nichts mit dem Leben zu tun hat, das wir tatsächlich führen.

Loslassen können hat auch immer etwas mit Vertrauen zu tun. Vertrauen darin, dass es etwas oder jemanden gibt, der mich unterstützt und mir beim Wachsen hilft. Das kann eine wirkliche Herausforderung sein, vor allem, wenn man das Gefühl hat, dass

einem gerade alles um die Ohren fliegt.

Dieses Jahr ist in dieser Hinsicht äußerst anstrengend und hält viele Lernaufgaben bereit: Geht Ihnen das auch so? Wenn Ihnen das Hände in den Schoß legen schwer fällt, probieren Sie es doch einmal mit einem Mittelweg:

Beobachten Sie die Situation

schreiben Sie Ihre Beobachtungen vielleicht sogar auf. Wer macht was wann warum? Was belastet Sie? Was möchten Sie eigentlich tun? Warum? Warum geht es nicht? Vielleicht kommen Sie so zu ganz neuen Erkenntnissen oder entwickeln einen Klopfsatz. Oder probieren Sie einmal die Switchwords

LÄCHELN-LEUCHTEN

GÖTTLICHE ORDNUNG-STILL

zu klopfen. Das können Sie machen, so oft es Ihnen in den Sinn kommt.

Monika Richrath, Autorin von „EFT-Klopftechnik für Hochsensible“

3 Kommentare

  1. Lass los – vertraue der Kraft, die Dich befähigt zu leben. Diesen schönen Satz habe ich mal irgendwo gelesen. Leider vergesse ich ihn oftmals wieder, wenn der Alltag gnadenlos zuschlägt.
    Ich habe für mich erkannt, dass mich Dinge stressen, die ich mir auferlege. Ob das regelmässiger Sport ist, oder irgendwelche Übungen, die ich täglich wiederholen soll. Ich hake dann alles ab, nur damit es erledigt ist. Irgendwie ist das nicht mein Weg. Es fühlt sich falsch an. Nährt nicht und bringt mich nicht weiter.
    Beispiel: Ich habe versucht jeden Tag 15 Minuten Sport zu machen. Gymnastische Übungen. Kaufte im ersten Enthusiasmus Stretchbänder, Matten, Hanteln. Nach 2 Wochen hatte ich solche Nackenschmerzen, dass ich es nicht mehr aushielt. Ich hörte auf meinen Körper und liess es sein.
    Beispiel 2: Seit Jahren gehe ich jeden Tag eine Stunde spazieren. Dabei begleitet mich meine Zwillingschwester, die natürlich auch Hochsensibel ist. Wir haben einen wunderschönen Weg an einem See entlang, weg von der Strasse und seltsamer Weise mit wenigen Menschen, die uns entgegen kommen. Total idyllisch. Wir lieben diese Spaziergänge. Werden Stress los, der sich den Tag über angesammelt hat, reden viel und sind an der frischen Luft. Wir müssen uns kein einziges Mal dazu zwingen. Es ist einfach wunderschön und stimmig. Seit all den Jahren.
    Ich atme IMMER auf, wenn ich loslasse. Wenn ich Ballast abwerfe. Ich habe die höchste Freude, wenn ich ausmiste und Dinge weg werfe, die ich nicht brauche. Auch und gerade innerlich. Wenn dann Angst / Verlustangst / Veränderungsangst aufkommt, versuche ich mich nicht weg zu drehen, sondern mutig hinzusehen, was es mir sagen will. Solange, bis sich der Knoten löst. MIR hilft das sehr gut. So wenig wie möglich belasten, so viel wie möglich loslassen, tief in den Bauch atmen, kommen lassen.

  2. Ich bin so froh, dass es eine Erklärung gibt…
    Das es mir nicht allein so geht.Das beruhigt etwas.Ich bin gerade in so einer „Phase“. Ständig habe ich Neues , wovon ich glaube, Altes -schwer auszuhaltendes- überlappen /lagern zu müssen. Immer wieder neue Ideen , die meinen Mann Kopf schütteln lassen. Das Aushalten ist sehr schwer. Vielleicht ist das auch Kontrollverlust…oder die Angst davor, loszulassen?

    1. Es hört sich schon an, als wenn Du ziemlich gestresst wärst. Alles geht durcheinander und das Kopfschütteln Deines Mannes sagt ja alles. Man fühlt sich allein, weil man nicht verstanden wird. Du darfst nicht vergessen, dass er völlig anders fühlt, als Du. Längst nicht so fein, längst nicht in diesen ganzen Abstufungen. Mir geht es mit meinem Mann nicht anders. Früher war ich ziemlich hilflos und rannte gegen Wände, weil ich immer dachte: Was ist bloss los mit mir, warum komm ich mir vor wie ein Außerirdischer? Heute weiss ich, dass die Anderen tatsächlich anders sind als ich. Das beruhigt und nimmt die Last von mir auch noch selber auf mich ‚einzuprügeln‘ und mich minderwertig zu fühlen.
      Versuch mal, so viel wie möglich zu relaxen. Atemübungen, Entspannungsübungen. Meditation, wenn Dir das liegt. Die Kontrolle ist nur da, weil Du Angst hast den Boden unter den Füssen zu verlieren. Geh mal bewusst da rein, wenn diese Schübe kommen und versuche nicht weg zu rennen, sondern es anzusehen, bis es sich auflöst. Ruhig hinlegen und hinsehen. Stück für Stück ausmisten. Lass Dir Zeit und fühle Dich niemals wegen irgendwas schuldig, denn das bist Du nicht. Du hast bis jetzt alles so gut gemacht, wie Du konntest.

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