Hochsensibilität und wie ein zweiter Blick auf Menschen unser Leben bereichert

Als Hochsensible besitzen wir besonders feine Antennen, auf die die meisten von uns auch insgeheim stolz sind, denn sie befähigen uns Menschen und Situationen schnell einschätzen zu können. Im Alltag sind allerdings auch wir nicht davor geschützt, dass wir Menschen die die täglichen „Statistenrollen“ in unserem Leben einnehmen: die Kollegin aus einer anderen Abteilung, der Verkäufer im Supermarkt, der Briefträger, die Mama aus dem Kindergarten … nur recht oberflächlich betrachten und nicht näher an uns heranlassen. Denn meist machen wir uns schnell ein erstes Bild. Ist unsere Hochsensibilität dabei manchmal hinderlich? Stehen wir uns aufgrund unseres introvertierten Wesens und einer gewissen Voreingenommenheit (schließlich erfassen wir unser Umfeld schnell und nehmen Situationen intensiv wahr) manchmal selbst im Weg?

Stellen Sie sich einmal folgende Situation vor. Zwei Frauen, die eine hochsensibel (nennen wir sie Mona), die andere sehr empathisch (Lisa) begegnen sich jeden Tag in einer wiederkehrenden Alltagssituation. Beide grüßen sich freundlich, da sie Kinder im gleichen Alter haben und jede geht ihrer Wege. Das ein oder andere Mal schaffen sie es sogar ein paar Worte zu wechseln und sich kurz über die beruflichen Tätigkeiten auszutauschen. Mona ist seit Jahren selbstständig, Lisa arbeitet in einer Festanstellung in Teilzeit. Ihre Lebensinhalte liegen, abgesehen von den Kindern, scheinbar meilenweit auseinander. Floskeln werden ausgetauscht, aber alles bleibt an der Oberfläche. Nicht zuletzt darin begründet, dass die hochsensible Mona zwar ihre Umgebung und die Menschen darin blitzschnell erfasst, aber dadurch auch dazu neigt, sich vorschnell ein Urteil zu bilden. Für sie ist Lisa eine nette Mama, aber das war es dann auch schon. Sie setzt sich nicht weiter mit ihr auseinander und für sie nimmt Lisa eine tägliche „Statistenrolle“ ein. Ein Mensch, dem sie immer wieder über den Weg läuft, weil sich ihre Wege eben an einer winzigen Schnittmenge kreuzen. Die Zeit vergeht.

Hochsensible brauchen manchmal einen Schubs in die richtige Richtung …

Eines Tages fasst sich die empathische Lisa ein Herz und wagt einen Vorstoß. Die sonst so hochsensible Mona wird davon vollkommen überrascht. Lisa berichtet ihr in einer ihrer täglichen Begegnungen, dass sie schon lange von einem eigenen Laden träumt und den Schritt nun endlich gewagt hat. Anschließend bittet sie Mona konkret um ihre Hilfe und Unterstützung bei der Umsetzung einiger wichtiger Schritte, die in den ersten Wochen der Selbstständigkeit so anfallen. Die beiden Frauen vereinbaren einen Termin. Der erste Termin übrigens, an dem sich beide Frauen wirklich auf Augenhöhe wahrnehmen und sich bewusst mit der jeweilig anderen auseinandersetzen.

Die „Statistenrolle“ wird aufgelöst …

Sie ahnen bereits, wie die Geschichte weitergeht? Die Funken zwischen den beiden Frauen fliegen hin und her, die Atmosphäre im Raum knistert vor spannender Betriebsamkeit. Innerhalb von wenigen Stunden entsteht etwas ganz Neues. Nicht nur geschäftlich, sondern auch zwischenmenschlich. Der zweite Blick auf die scheinbar so andere Lisa, hat Mona offenbart, dass hinter der hübschen Fassade der anderen, viel mehr steckt, als nur eine nette Optik. Trotz oder gerade aufgrund ihrer Hochsensibilität hatte Mona diese Nähe vorher gar nicht zugelassen. Für sie war Lisa nur ein „Statist“. Erst durch den beherzten Schritt von Lisa, die wie später im Gespräch der beiden herauskam, lange überlegt hatte, den Vorstoß überhaupt zu wagen, kam der Stein ins Rollen.

Beim näheren Betrachten haben wir wahrscheinlich in unserem täglichen Leben zigg Lisas, die unseren Weg an irgendeiner Stelle kreuzen. Ein zweiter Blick auf diese Menschen kann unser hochsensibles Leben bereichern. Das gelingt allerdings nur, wenn wir einen Schubs erhalten oder beherzt selbst einen Vorstoß wagen. Wie sie aus eigener Erfahrung sicher wissen, manchmal gar nicht so leicht …

Sandra Tissot, Autorin von „Hochsensibilität und die berufliche Selbstständigkeit“

Ein Kommentar

  1. Hallo Sandra,
    danke für deinen Artikel.
    Das ist so, dass wir auch „oberflächliche“ Informationen, einfach aufnehmen und hinnehmen. Wir sind in dieser „Oberflächenwelt“ auch groß geworden 🙂 Und wir haben auch Mental- und Verhaltensprogramme übernommen, die wir ablegen oder verlassen können, je mehr wir uns für unsere Vielfalt öffnen.
    Ich denke auch erlebte Verletztheiten spielen da mit, die dann mit neuen Erfahrungen harmonisiert oder geheilt werden.
    VG
    Cornelia Rosina

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