Hochsensibilität und Epigenetik

(Von Silvia Christine Strauch)

Die Genetik ist die Wissenschaft von der Vererbung, sie befasst sich mit den Gesetzmäßigkeiten der Ausbildung von erblichen Merkmalen und der Weitergabe von Erbanlagen an die nächste Generation. Bei Genetik werden den meisten Menschen die Mendelschen Erbgesetze einfallen, die man im Biologieunterricht kennengelernt hat. Wie war das noch mit der Vererbung? Vor einer Zellteilung wird die Erbsubstanz verdoppelt und jeweils die Hälfte der Erbsubstanz auf die Tochterzellen übertragen. Bei der sexuellen Vermehrung des Menschen werden von der Eizelle die Hälfte des mütterlichen und vom Spermium die Hälfte des väterlichen Erbguts miteinander vereint. So wird eine Vermischung des Erbguts sichergestellt.

Unsere Gene machen uns unverwechselbar und einzigartig. Seit Jahren ist es möglich in humangenetischen Laboratorien Untersuchungen machen zu lassen, die nicht nur feststellen, ob mehr oder weniger schwerwiegende Erbkrankheiten vorliegen, sondern Eigenschaften, die für den ganz normalen Lebensalltag wichtig sein können. Sei es eine angeborene Lactoseintoleranz oder das Vorliegen einer Zöliakie. Man kann damit auch die Entgiftungskapazität des Körpers feststellen, welche Sportart für einen am besten geeignet ist oder auch wie, welche Medikamente verstoffwechselt werden. Aber ist Hochsensibilität erblich? Es ist zumindest kein Gen bekannt, das Hochsensibilität vererbt, aber Untersuchungen gehen davon aus, dass nicht nur eine Veranlagung vererbt wird, sondern dass diese auch durch Umweltbedingungen beeinflusst wird.

Was ist Epigenetik?

Die Epigenetik beschränkt sich nicht auf diese klassischen, auch schon nicht einfachen Vererbungsfälle, sondern befasst sich mit der Frage, welche Faktoren die Aktivität eines Gens zeitweilig festlegen. Grundlage dabei sind Veränderungen an den Chromosomen, wodurch bestimmte Teile in ihrer Aktivität beeinflusst werden. Es werden sozusagen Teile an- oder abgeschaltet, ohne die DNA-Sequenz, das Erbgut, zu verändern.

Bei eineiigen Zwillingen kann man feststellen, dass sie in jungen Jahren epigenetisch noch in einem hohen Maß übereinstimmen, allerdings immer weniger, je älter sie werden. Zumindest dann, wenn sie unter unterschiedlichen Umweltbedingungen leben. Je unterschiedlicher ihr Leben verläuft, desto unterschiedlicher sind sie epigenetisch gesehen, obwohl sie genetisch gesehen identisch sind. Mit der Erkenntnis der Epigenetik wurde schon nach kurzer Zeit unser bisheriges Verständnis der Steuerung sämtlicher Lebensprozesse auf den Kopf gestellt. Denn das bedeutet, dass der Geist, über die Epigenetik als Vermittler, Kontrolle ausüben kann, und das nicht nur bei Krankheiten.

Der Einfluss von Epigenetik auf Hochsensibilität

Interessant ist der mögliche epigenetische Einfluss auf die Erscheinung der Hochsensibilität. Der Gehirnstoffwechsel von hochsensiblen Personen scheint anders zu funktionieren als bei normalsensiblen. Das Nervensystem nimmt mehr Wahrnehmungen auf, hat dementsprechend mehr zu verarbeiten und ist dadurch schneller erschöpft. Auch Gehirnregionen, die bei Angst oder Belohnungen aktiv werden, reagieren bei Hochsensiblen intensiver.

Die Reizübertragung im Gehirn erfolgt über Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter. Liegen davon mehr vor, ist das Gehirn zur verstärkten Reizaufnahme bereit, was schnell als Dauerstress empfunden wird. Folglich befinden sich mehr Stresshormone im Blut, wodurch es zu vielen körperlichen Störungen kommen kann, ähnlich wie bei einem Burnout. Darüber hinaus kommt es durch die heutzutage übliche ungesunde Lebensführung zu weiteren Stressreaktionen des Körpers, er wird aus dem Gleichgewicht gebracht, und es kommt zu vielfachen Überlastungserscheinungen wie Depressionen und Burn-Out. Bei Hochsensibilität liegt nicht nur eine vermehrte Aufnahme, sondern auch eine vermehrte Verarbeitung von Reizen vor, welche abhängig ist von diesen Neurotransmittern, die auf chemischem Wege Erregung weiterleiten.

Nobelpreis für Telomerase-Forschung

Frau Prof. Dr. Blackborn erhielt 2009 den Nobelpreis für die Telomerase-Forschung. Wissenschaftler sehen die Länge der Telomere am Ende der Chromosomen als verlässliches Zeichen für das biologische Alter an. Kurze Telomere gehen mit chronischen und degenerativen Erkrankungen einher. Telomere verkürzen sich im Laufe des Lebens, aber man kann die Telomere mit einer gesunden Lebensführung schützen und verlängern.

Die Ernährung hat den größten Einfluss auf die Telomerlänge, danach folgt Stress. Auch Erwachsene mit Traumata haben kürzere Telomere, meist durch Kindheitsereignisse, die sich als Stress in Form von Erinnerungen ständig wiederholen. Um die Telomere in einem gewissen Rahmen zu verlängern, rät die Nobelpreisträgerin zu Meditation, verbesserte Resilienz und einer gesunden Ernährung.

Stressreduktion, Burnout-Behandlung und der bewusste Umgang mit Hochsensibilität ist eine Kopfsache. Wir können bewusst durch die Kraft unserer Gedanken und entsprechenden Lebensumständen die Aktivität der Telomere beeinflussen. Somit können wir auf epigenetischem Weg Einfluss auf das Erscheinungsbild von Hochsensibilität nehmen.

Daraus leiten sich folgende Empfehlungen ab:

Gesunde Ernährung:  Sorge für eine ausgewogene Ernährung mit frischen Lebensmitteln und sauberem Trinkwasser. Vermeide industriell hergestellte Fertigkost.

Schlafqualität: Sorge für einen guten und ausreichend langen Schlaf, damit sich dein Körper regenerieren kann.

Bewegung: Dein Körper braucht ein gewisses Maß an Bewegung. Sorge für ausreichende Bewegung, möglichst an der frischen Luft und wenn möglich Sonnenlicht.

Gesellschaft: Auch ein hochsensibler Mensch braucht ein gewisses Maß an sozialen Kontakten und sollte soziale Interaktionen nicht umgehen.

Meditation: Egal welche Art von Meditation, Meditation verändert die Gehirnwellen, die letztendlich deinen Körper steuern und damit auch Einfluss auf deine Gene nehmen. Fange an deiner Intuition zu vertrauen.

Setze dir Ziele: Ziele sind wichtig, gönne dir aber auch die notwendige Zeit dazu sie zu erreichen.

Genetisch gesehen kann man Hochsensibilität nicht verändern, epigenetisch gesehen kann man durchaus darauf Einfluss nehmen. Somit kann man nicht nur mit seiner Hochsensibilität gezielter umgehen und sie steuern, sondern sogar das eigene Leben.

Silvia Christine Strauch
Buchautorin von „Krankhafte Narzissten enttarnen“ und „Meine Hochsensibilität positiv gelebt“

Ein Kommentar

  1. „Somit können wir auf epigenetischem Weg Einfluss auf das Erscheinungsbild von Hochsensibilität nehmen“, das ist eine interessante Sichtweise und nicht auszuschließen, dass es so `funktioniert´.
    Außerdem ist es wichtig, Ziele zu verfolgen und sich dabei auf seine Fähigkeiten und Begabungen zu besinnen, die oftmals in der Jugend und Kindheit verborgen sind.
    Eine Empfehlung für ein gesundes Leben fehlt hier allerdings. Es ist die Sexualität, die auch gelebt werden will. Und wir müssen alle lernen, uns ganz offen damit auseinander zu setzen.
    Ansonsten hat mir der Artikle gut gefallen!!
    Grüße
    Jürgen aus Loy (PJP als Blogger)
    P.S. Ich habe die HS erwähnt, als ich anfing, mich dem Thema psychologisch zu nähern und mit den Gefühlen zu befassen, bin aber auf kein Interesse gestoßen. Bei Interesse:
    https://4alle.wordpress.com/2015/08/14/das-geheimnis-der-gefuehle/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.