Hochsensibilität und die Sache mit den hohen Erwartungen

Vom US-amerikanischen Psychologe Marshall Bertram Rosenberg stammt die Aussage: „Was ich in meinem Leben will, ist Einfühlsamkeit, ein Fluss zwischen mir und anderen, der auf gegenseitigem Geben von Herzen beruht.“ Ein Satz, nach dessen tiefgreifender Bedeutung sich viele Menschen sehnen. Insbesondere Hochsensible kennen dieses innere Verlangen nach Harmonie, Einfühlsamkeit und dem Wunsch danach, das Leben anderer Menschen besser zu machen. Umso enttäuschter sind sie oft von ihrem persönlichen Alltag, in dem häufig nur der Gehör findet, der am lautesten schreit und unmissverständlich am meisten fordert.

Hohe Erwartungen von Hochsensiblen an das berufliche und private Umfeld

Gerade im Berufsleben kollidieren die hohen Erwartungen von Hochsensiblen ständig mit der Realität. Sie treffen auf rücksichtslose Vorgesetzte, cholerische Geschäftspartner, oberflächliche Arbeitskollegen etc. Einfühlsamkeit und gegenseitiges Geben, das von Herzen kommt – Fehlanzeige. Ein tiefes Gefühl der Enttäuschung ist oft die Folge.

Diese Situation wäre vielleicht noch irgendwie erträglich, wenn das private Umfeld von Hochsensiblen die hohen Erwartungen an das Einfühlungsvermögen erfüllen könnte. Doch auch hier zeigt sich schnell und mit wiederkehrender Regelmäßigkeit, dass genau das Gegenteil der Fall sein kann. Freunde, die das hochsensible Naturell eigentlich bestens kennen müssten, reagieren oberflächlich, interessieren sich nicht aufrichtig und handeln vielleicht vollkommen anders, als erhofft. Selbst Menschen im engsten Familienkreis scheinen manchmal außer Stande, das Prinzip der Einfühlsamkeit und den Fluss aus gegenseitigem Geben zu verstehen oder gar zu leben. Spätestens an dieser Stelle stürzt das tiefe Gefühl der Enttäuschung ins Bodenlose. Hochsensible fühlen sich von Freunden und Familie missverstanden, brechen vielleicht sogar den Kontakt ab oder sind neuen Freundschaften gegenüber äußerst misstrauisch.

Hohe Erwartungen hinterfragen und auf die eigene Intuition vertrauen

Die hohen Erwartungen, die Hochsensible oft nicht nur an sich selbst, sondern auch an andere haben, lassen sich nicht einfach abschalten. Allerdings kann es helfen, wenn die eigenen Erwartungen bewusst hinterfragt werden.

Gerade im Berufsleben kann dahinter die unerfüllte Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit stecken, verbunden mit der ständigen Frage nach der Sinnhaftigkeit des täglichen Tuns. Jedes kritische Wort von Vorgesetzten oder Kollegen führt Hochsensible dann besonders schnell an ihre Grenzen, weil sie im Grunde ihres Herzens spüren, dass sie zu etwas anderem berufen sind. Die berufliche Selbstständigkeit kann eine Möglichkeit bieten, dauerhaft in einem selbstbestimmten Wertegefüge zu leben. Natürlich sind Hochsensible auch hier nicht vor überzogenen Erwartungen gefeit, allerdings sind der Handlungsspielraum und die damit verbundene freie Gestaltung des eigenen Arbeitsumfeldes deutlich größer. Die Einfühlsamkeit und das zwischenmenschliche Miteinander können zum festen Bestandteil der selbstgewählten Unternehmensphilosophie werden.

Ganz ähnlich verhält es sich auch im privaten Umfeld. Hochsensible haben die Fähigkeit erlebte Situationen mit Freunden und der Familie intuitiv richtig zu reflektieren. Wurden die Erwartungen nicht erfüllt, weil sie unrealistisch waren? Oder ist die betreffende Person aus persönlichen Gründen (Ablenkung, Sorgen, Stress, Krankheit …) heraus vielleicht in genau dieser Situation überhaupt nicht in der Lage gewesen, einfühlsam zu reagieren?

Auch wenn in diesem Moment die Gedanken an Flucht und Rückzug übermächtig sind, oft hilft eine gelungene Kommunikation. Echter empathischer Kontakt kann nur dann entstehen, wenn der Gegenüber überhaupt die Gelegenheit bekommt, von den Wünschen und Bedürfnissen der hochsensiblen Person zu erfahren. Die ausgeprägte Intuition kommt Hochsensiblen hier zu Gute. Natürlich funktioniert diese Formel nicht immer und überall. Es wird immer Menschen geben, die nach hochsensiblem Empfinden „empathielos“ sind. Hier scheint alle Kommunikation sinnlos und eine dauerhafte Abgrenzung unausweichlich. Umso schöner ist es allerdings, wenn Hochsensible in ihrem täglichen Leben Menschen begegnen, die ebenso auf der Suche nach Einfühlungsvermögen und dem gemeinsamen Fluss aus gegenseitigem Geben sind. Es heißt also die Augen und Ohren offen halten, denn die nächste empathische Begegnung kommt bestimmt …

Sandra Tissot, Autorin von „Hochsensibilität und die berufliche Selbstständigkeit“

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