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Hochsensibel leben: Lassen sich Familie und Job vereinbaren?

(Von Sandra Tissot)

Als HSP kämpfst Du mit einem Übermaß an Reizen aus Deinem Umfeld und ein sicherer Umgang mit Deinen hochfeinen Antennen gelingt Dir meist erst mit wachsender Lebenserfahrung. Wenn dann bereits in jungen Jahren noch eine Familie mit Lebenspartner sowie Kindern dazukommt und ein nervenaufreibender Job regelmäßig Deine Synapsen lahmlegt, kommst Du schnell an Deine Leistungsgrenzen …

Vielleicht gehörst Du auch zu den HSP, die sich mit dem Wissen darum, bewusst für ein Leben ohne klassische Familienstrukturen und gegen ein herkömmliches Angestelltenverhältnis entschieden haben. Die eine oder andere Entscheidung trifft jeder für sich und hat dafür mit Sicherheit eine Reihe guter und wertvoller Gründe.

Vereinbarkeit von Familie und Job für Hochsensible überhaupt möglich?

Wenn Du Dich als HSP für eine Familie entschieden hast und gleichzeitig einen Job ausübst, hast Du höchstwahrscheinlich keine Langeweile. J Okay, Spaß beiseite, es gibt oder gab in Deinem Leben garantiert Phasen, in denen Dir die Situation über den Kopf gewachsen ist. Insbesondere in einer Leistungsgesellschaft, die Modeerscheinungen wie die „Mompreneurin“ hervorbringt. Ein Fabelwesen, mit unendlich großem Aufgabenfeld, dass sowohl 100 Prozent im Job, als auch 100 Prozent in Sachen Liebe und Erziehung für die Kinder gibt. Unerforscht ist allerdings, wann diese Spezies schläft, isst, oder Dingen wie regelmäßigen Duschen, Sex, Sport oder gar Hobbys nachgeht.
Fakt ist, egal wie diszipliniert, organisiert oder motiviert Du bist, die beiden vollkommen unterschiedlichen Lebensbereiche Familie und Job lassen sich für HSP nicht ohne weiteres vereinbaren. Zumindest solange unsere zukünftigen Tage weiter 24 Stunden haben und wir ab und an auch noch unseren Grundbedürfnissen nachgehen müssen. Ganz zu schweigen von der daraus entstehenden dauerhaften Überreizung und den mangelnden Freiräumen für Ruhe und Entspannung.

Schlüssel & Türöffner: Unterstützung annehmen und offen kommunizieren

Nur wenn Abstriche gemacht werden und Du auch Unterstützung im Familiengefüge erhältst, lässt sich Dein Familienleben gut mit Deinem Job vereinbaren. Erst die Unterstützung durch Partner, Großeltern und Freunde macht eine Vereinbarkeit von Familie und Job möglich und ist ein wertvoller Schlüssel für Hochsensible. Allerdings kannst Du als HSP selbst unter optimalen Bedingungen aufgrund Deines erhöhten Bedürfnisses nach Ruhephasen hier manchmal an Deine Grenzen stoßen. Das ist nicht weiter schlimm, denn auch diese Grenzen gehören zum Leben dazu.

Ein Türöffner für eine gesunde Vereinbarkeit von Familie und Job ist die offene Kommunikation. Denn weißt Du, was eine offene Kommunikation alles möglich macht? Gerade im Job, im Gespräch mit Kollegen, Geschäftspartnern, Kunden stellt sich schnell heraus, dass viele dieser Menschen auch Väter und Mütter sind … Dass eben diese Menschen sich genau die gleichen Fragen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie stellen und die gleichen Balanceakte vollziehen.

Ähnlich verhält es sich mit einer offenen Kommunikation in der Familie. Lebenspartner, die beide arbeiten, wissen, dass in bestimmten Situationen beide auch in familiären Angelegenheiten gleichermaßen gefordert sind. Werden hier Themen offen besprochen und Aufgaben geteilt, können Engpässe oft schon im Vorfeld umgangen werden.

„Weniger ist mehr“ – Erwartungen einfach mal runterschrauben

Mit einem Lächeln geht vieles leichter, insbesondere wenn Ansprüche und Erwartungen nicht zu hoch geschraubt werden.  Ganz wichtig ist dabei auch einmal das gemeinsame Lachen über eine verpatzte Situation oder über einen „Peinliche-Eltern-Moment“. Es ist bei Weitem nicht alles perfekt, und es wäre auch schade, wenn alles so vorbildlich wäre. Wo bliebe dann der Spaß?

Wir sind Hochsensible, oft mit hochsensiblem Nachwuchs, die individuell entscheiden müssen, was sie sowohl beruflich als auch privat imstande sind, gerade leisten zu können. Wir müssen immer ein bisschen mehr auf unseren Körper und Geist hören und uns selbst die Möglichkeiten geben, zur Ruhe zu kommen und “runterzufahren“. Spätestens, wenn Du nach der Arbeit bemerkst, dass die Energie bereits beim Aufeinandertreffen mit Deinen Kindern am Nachmittag schon aufgebraucht ist, wird es Zeit für eine Ruhepause. Denn wenn Du selbst überreizt bist, überträgt sich das schnell auf Deine Kinder. Vergiss nicht: Oft haben auch sie besonders feine Antennen und spiegeln Dein Verhalten wider. Für die notwendige Entspannung können ein Spaziergang mit dem Hund, Meditation, ein gutes Buch oder ein gemütlicher Abend auf der Couch sorgen. In einem Familiengefüge, wo die einzelnen Mitglieder um die Hochsensibilität der anderen wissen und in dem die Kinder bereits mit dem Thema aufwachsen können, lassen sich auch alle positiven Seiten vollständig entfalten.

In hochsensiblen Familien gilt oft: „Weniger ist mehr.“ Nach getaner Arbeit und nach dem Kindergarten oder der Schule sorgt vielleicht ab und an ein Sportnachmittag für Ausgleich. Oft genügt es aber einfach, die gemeinsame freie Zeit miteinander zu genießen. Ganz ohne dass dahinter jeden Nachmittag ein anderes durchgeplantes Programm steht. Denn ähnlich wie Du die Ruhe und den Ausgleich immer wieder suchst, benötigen wahrscheinlich auch Deine Kinder diese Freiräume, in denen sie einfach einmal vor sich hinträumen oder im Spiel versunken sein dürfen. Wenn Du Deinen Kindern ermöglichst, den sorgsamen Umgang mit der Hochsensibilität bereits früh zu erlernen, fällt es ihnen später deutlich leichter, die damit verbundenen Gaben wie Empathie, Kreativität, vernetztes Denken oder eine differenzierte Wahrnehmung in ihrem Erwachsenenleben bewusst einzusetzen.

Sandra Tissot, Autorin von „Hochsensibilität und die berufliche Selbstständigkeit“

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