Die Suche nach der Berufung

(Von Silvia Christine Strauch)

Haben Sie schon Ihre ureigenste Berufung gefunden?

Rechtlich gesehen ist die Berufung ein Rechtsmittel gegen ein Urteil in der ersten Instanz. Amtlich gesehen ist es die Aufforderung zur Übernahme eines Lehrstuhls oder einer Professur. Im Allgemeinen versteht man darunter meistens die Berufung zu einer bestimmten Lebensaufgabe, den starken inneren Drang dazu, etwas Bestimmtes zu tun. Es bedeutet eine besondere Befähigung, die ein Mensch sozusagen als inneren Auftrag in sich verspürt, eng verbunden mit seinem Lebenssinn.

Heutzutage gibt es jede Menge Hilfestellung um möglichst schnell die eigene Berufung zu finden, vor allen Dingen um sich im Job zu verwirklichen und darin aufzugehen. Es gibt diverse Tests um herauszufinden was man besonders gut kann, wo die eigenen Interessen und Fähigkeiten liegen und welche Themen einem besonders am Herzen liegen. Wie man sich also am besten selbstverwirklichen kann. Bei welchen Tätigkeiten können Sie sich selbst vergessen und völlig im Sein aufgehen? Schafft man es seine Berufung zu leben, so wird einem die große Erfüllung prophezeit, indem man sich selbst verwirklicht. Wohl dem, der seine Berufung schon gefunden hat.

Berufung als Lebenssinn?

Seien wir froh, dass wir in unseren Breitengraden überhaupt die Möglichkeit dazu haben, uns über eine Berufung Gedanken zu machen. Dass wir, zumindest oftmals, die Möglichkeit haben uns weiterzubilden, einen anderen Job anzunehmen oder uns sonst wie zu verändern. Und solange sich dazu die Möglichkeit bietet, wäre es sicherlich verwerflich die Suche nach der eigenen Berufung aufzugeben. Was aber, wenn sich dieses überschäumende Gefühl nicht melden will? Auch nach vielen Überlegungen und Veränderungen nicht? Was, wenn wir einfach so unseren Gleichklang leben und sich dieses Gefühl des inneren Auftrags nicht einstellen will? Oder man fühlt diesen Auftrag, lebt ihn und trotzdem stellt sich dieses Gefühl des einzigartigen Lebenssinnes nicht ein?

Lieben Sie ihr Hobby?

Ein Beispiel: Ich hatte einen gut gehenden Job, der es mir ermöglichte meinem Hobby nachzugehen. So züchtete ich amerikanische Westernpferde und bildete sie aus. In dieser Tätigkeit fühlte ich mich absolut zuhause und angekommen. Nicht, dass ich meinen Job ungern gemacht hätte, aber in meinem Hobby ging ich auf. Was lag näher, als zu einem Zeitpunkt, zu dem es sich anbot, die Gelegenheit zu ergreifen, dies auch hauptberuflich auszuüben. Zuerst startete ich nebenberuflich und als mein Arbeitgeber seine Mitarbeiter dezimieren wollte und mir ein Abfindungsangebot machte, war die Gelegenheit gekommen zuzugreifen. Und so machte ich mein Hobby zum Beruf.

So konnte ich den ganzen Tag meiner inneren Berufung nachgehen. Ich bildete fremde Pferde und Reiter aus, kaufte mir Schulpferde, um Nichtpferdebesitzer unterrichten zu können und importierte Verkaufspferde aus Amerika. Mein Arbeitstag war deutlich länger als vorher, aber auch erfüllter. Als sich die Gelegenheit bot einen großen Hof mit vorhandener Reitanlage zu pachten, begann ich den nötigen Businessplan dazu zu erstellen. Ich erstellte nicht nur den kaufmännischen Plan, sondern auch den privaten. Ich machte auf der einen Seite Pläne, auf der anderen Seite zog ich ein Resümee.

Und als ich mir das Ganze so bei Licht betrachtete, stellte ich fest, was aus meiner angeblichen Berufung geworden war. Ich hatte weder die Zeit, noch die Muße mehr, meinem Hobby nachzugehen. Die Zeit, die ich für meine eigenen Pferde benötigte war nicht mehr mit Zufriedenheit und Glücksgefühlen ausgefüllt, sondern mit Zeitnot, Stress und Überarbeitung. Ich merkte, ich habe kein Hobby mehr und ich habe auch gar nicht mehr die Zeit für ein Hobby. Mein Hobby war zum Beruf geworden und fühlte sich auch genauso an. Nicht positiv, aber auch nicht negativ, Arbeit eben.

Glücksgefühle durch Berufung?

So kann sich eine Berufung verändern. Oder war das vielleicht gar nicht meine Berufung? Was ist mit diesen überbordenden Glücksgefühlen. Wer bekommt die? Wann bekommt man die? Es ist leicht festzustellen, dass es unterschiedliche Mentalitäten und Temperamente gibt. Es gibt extrovertierte und introvertierte Personen, weder das eine noch das andere ist als positiv oder negativ anzusehen, es sind persönliche Eigenarten. Eigenschaften, die gelebt werden wollen, damit sich dieser Mensch glücklich und zufrieden fühlt. So manch einer schwankt zwischen überglücklich und zu Tode betrübt. Er strahlt und lebt seine Hochs begeistert aus und wird damit so manchen anstecken oder auch Menschen nerven, denen dies zu viel wird. Auf der anderen Seite kann dieser Mensch in Löcher fallen, die schon einer Depression gleichen. Die Abstände von einem zum anderen Gefühl können unterschiedlich lang sein. Umgibt sich dieser Mensch mit ähnlich gelagerten Menschen, so wird er leichter verstanden und aufgefangen, egal in welcher Richtung, da seine Umgebung diese Gefühle kennt und sie selbst erlebt.

Es gibt aber auch den Menschen, der ausgeglichen in seiner Mitte lebt, ganz ohne große Gefühlsschwankungen. Kommt er in besonderen Momenten unabsichtlich in solch extreme Gefühlslagen, so fühlt er sich äußerst unbehaglich, auch wenn es letztendlich ein großes Gefühl der Freude ist. Er mag diese Gefühlsschwankungen einfach nicht.

Berufung und Temperament

Man kann sich gut vorstellen, dass von diesen Menschen mit unterschiedlichen Temperamenten ihre Berufung auch dementsprechend unterschiedlich gelebt wird. Während der eine begeistert von seiner Berufung berichten wird, hört der andere zu, und obwohl er zufrieden und glücklich über seine Situation ist, denkt er vielleicht, seine Berufung immer noch nicht gefunden zu haben. Selbstverständlich sollte man etwas verändern, wenn man unzufrieden ist. Aber man sollte auch lernen etwas anzunehmen und die positiven Seiten einer Situation erkennen. Ich finde es phantastisch, wenn Menschen in ihrer Tätigkeit aufgehen, aber es gibt eine Menge Leute, die dies tagtäglich machen, ohne es an die große Glocke zu hängen. Ich kenne Menschen in sozialen Berufen, die einfach gerne ihren Job machen, ohne sich Gedanken über ihre Berufung zu machen. All dies zählt letztendlich zu einem erfüllten Leben. Dazu zählt auch das Gefühl der Erfüllung aus der Meditation, Tai-Chi oder ähnlichen Dingen.

Also lassen Sie sich nicht verrückt machen durch die angeblich so wichtige Suche nach der eigenen Berufung. Es gibt auch die leise gelebte Berufung! Es ist sicherlich nicht der Sinn des Lebens ständig großen Gefühlen hinterher zu laufen.

Silvia Christine Strauch, Buchautorin von „Meine Hochsensibilität positiv gelebt“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.