Die Kunst des Innehaltens

(Von Katharina Eich)

Wenn wir innehalten, nehmen wir uns für einen Moment aus dem Geschehen und werden Betrachter. Etwas in uns wird ruhig. Wir erlauben uns nachzudenken und uns neu zu orientieren.

Stellen Sie sich vor, Sie stehen an der Fußgänger-Ampel und diese schaltet auf grün. Sie laufen nicht automatisch los, sondern Sie warten, vielleicht den Bruchteil einer Sekunde. In diesem Moment, den Sie sich selbst geben, entstehen Ihre neuen Möglichkeiten. Dort ist der geistige Raum für eine neue Entscheidung. Die Wahl zu haben: Geh ich einfach los oder geh ich vielleicht doch nicht, oder schau ich mich erstmal um, bevor ich losgehe. Mit Innehalten bringen wir die Entscheidung wieder auf eine bewusste Ebene. Zurück zu uns selbst, weg von den konditionierten Automatismen.

Warum ist Innehalten so wichtig für hochsensible Menschen?

Innehalten ist ein wertvolles Werkzeug im Umgang mit der eigenen Sensibilität. Hochsensible Menschen reagieren außergewöhnlich stark auf Reize. Wenn wir – ohne innezuhalten – sofort reagieren, dann greift der Körper auf gut etablierte Verhaltensweisen und Körperspannungen zurück. Diese Sofort-Antwort des Körpers ist die offensichtlichste, die antrainierte, die unserer Gewohnheit entspricht und mit der wir uns vielleicht sogar identifizieren („Ich bin halt so…“). Sie ist nicht die beste Antwort. Sie ist nur die gewohnte Antwort auf einen bekannten Reiz.

Im Moment des Wartens entkoppeln wir den Reiz von der Reaktion. Jetzt erst können wir neue Antwort-Möglichkeiten entwickeln. Mit Innehalten haben wir uns selbst die Chance dazu gegeben.

Dabei ist mit Innehalten nicht gemeint, dass wir stoppen oder verharren (was auch einer Reaktion entsprechen würde). Es ist vielmehr ein entspannter Schwebezustand, in dem der Körper aus der Ruhe heraus Entscheidungen treffen kann.

Die positiven Auswirkungen des Innehaltens sind vielseitig:

Wie schnell passiert es, dass ein starker Reiz unsere Aufmerksamkeit bindet.  In einer lauten und fordernden Welt, in der wir vielen Reizen ausgesetzt sind, hilft Innehalten, wieder zu sich zurückzukehren.

Wenn alles zu viel wird, schafft das Innehalten einen Ort der inneren Ruhe.  Der Körper kann sich ordnen und findet wieder zu neuer Kraft. Mit Innehalten können wir uns selbst die Möglichkeit geben, gelassen zu bleiben. Gerade dann, wenn man aus der Gewohnheit heraus, in Aufregung geraten würde.

Viele hochsensible Menschen beschreiben, dass sie es anderen immer recht machen wollen und sich selbst leicht dabei vergessen. Innehalten hilft, Situationen umfassender zu begreifen. Seine eigenen Bedürfnisse und die des anderen gleichermaßen zu berücksichtigen, und so eine gemeinsame Lösung entstehen zu lassen.

Innehalten hilft uns bewusste Entscheidungen zu treffen, und nicht vorschnell von der Macht der Gewohnheit gelenkt zu werden. Wir können andere Richtungen einschlagen, die uns zu neuen Erkenntnissen führen. Damit bildet das Innehalten die Grundlage von persönlichen Entwicklungsprozessen.

 

 Innehalten lernen mit Hilfe der Alexander-Technik

In meiner Ausbildung zur Lehrerin der Alexander-Technik war Innehalten einer der wichtigsten Lehrinhalte. Die von Frederick Matthias Alexander (*1869-1955) entwickelte Körper-Technik macht das Innehalten körperlich erlebbar. Man lernt mit der Kraft des Innehaltens in einen Zustand von Ruhe und Gelassenheit zu kommen – unabhängig von den Außenreizen.

Als hochsensibler Mensch habe ich mit Hilfe der Alexander-Technik das Innehalten zu meinem wichtigsten Werkzeug entwickelt. Es hilft mir täglich Entscheidungen zu treffen, in gutem Kontakt zu mir selbst und zu meiner Umwelt zu sein. Meine Bedürfnisse klarer zu fühlen und mich von starken Außenreizen nicht zu leicht irritieren zu lassen.

In meiner Arbeit als Lehrerin der Alexander-Technik, gebe ich dieses Wissen an andere hochsensible Menschen weiter. Das Erlernen von Innehalten ist für hochsensible Menschen ein Segen. Die Option nicht reflexartig auf einen Reiz zu reagieren, gelassen und entspannt zu sein und neue Verhaltensweisen zu entwickeln, schafft wunderbare Möglichkeiten die Hochsensibilität mit Freude zu leben.

Was ist die Alexander-Technik?

Die Alexander-Technik ist eine Körpertechnik, mit der du lernst, deinen Körper in einen Zustand von Leichtigkeit zu führen. In einer Alexander-Technik Stunde zeigt dir der Lehrer mit seinen Händen und begleitenden Worten, wo im Körper zu viel Spannung ist, und wie du dich weicher und fließender bewegen kannst. Dies wirkt sich positiv auf dein physisches und psychisches Gleichgewicht aus. Du fühlst dich leichter, beweglicher und entspannter. Du erlebst dich „in deiner Mitte“. Dieser Zustand erlaubt dir energievoll zu sein und frei von alten Mustern neue Erfahrungen zu machen. Die Alexander-Technik ist für hochsensible Menschen besonders geeignet, da die Impulse des Lehrers sehr fein sind. Die hochsensiblen Fähigkeiten begünstigen sogar das Erlernen der Alexander-Technik:

Es geht um ein feines Gespür für Harmonien im Körper

Die Alexander-Technik ist auch eine Lebensphilosophie. Die Tiefgründigkeit der Technik kommt der Denkweise hochsensibler Menschen sehr entgegen. Es geht nicht nur um die Harmonie von Körper und Geist, sondern auch um eine Lebenseinstellung und ein Herantreten an tiefsinnige Fragen.

Katharina Eich, Diplom-Biologin und Lehrerin der Alexander-Technik, www.katharina-eich.de

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