Petra_Schneider_hochsensiblepersonen.com

Die Geschichte vom Adler, der glaubte ein Huhn zu sein!

(Von Petra Schneider)

Ein Mann fand eines Tages ein Adlerei, nahm es mit nach Hause und legte es in das Nest einer ganz gewöhnlichen Haushenne. Ein kleiner Adler schlüpfte parallel mit ein paar Hühnerküken aus dem Ei und wuchs zusammen mit diesen auf. Sein ganzes Leben lang versuchte der Adler sich wie ein Huhn zu benehmen, was ihm aber nicht immer gelang. Manchmal fühlte er sich fremd unter all den Hennen. Doch ohne Zweifel, der Adler dachte, er sei ein Huhn wie alle anderen Hühner auf dem Hof. Er kratzte und scharrte in der Erde nach Würmern und Insekten. Er gluckte und gackerte halbwegs wie die anderen Hühner.

Nur ab und zu hob er ein wenig seine Flügel und flog ein Stück über den Hühnerhof, ähnlich wie die anderen Hennen. Einmal jedoch, er hatte sich völlig vergessen, flog er plötzlich höher als je zuvor… höher als die anderen Hennen. Für einen kurzen Augenblick genoss er es, so hoch durch die Lüfte zu fliegen, für einen Moment lang begann er zu träumen und war glücklich.

Doch schnell bekam er es mit der Angst zu tun und kehrte zurück auf den Hof.

Die Jahre vergingen und der Adler wurde sehr alt, aber nicht glücklich. Eines Tages sah er einen herrlichen großen Vogel hoch oben am wolkenlosen Himmel seine Kreise ziehen. Anmutig und hoheitsvoll schwebte dieser beeindruckende Vogel in den Lüften, fast ohne seine riesigen, kräftigen Flügel zu schlagen. Der Hühnerhofadler blickte sehnsüchtig zu ihm empor und wusste gar nicht, warum dieser Vogel da oben ihn so tief berührte.

„Wer ist das?“ fragte er ganz aufgewühlt eine Nachbarhenne. „Ach, das ist der Adler, der König der Vögel“ gackerte die Henne. “Wäre es nicht schön, wenn wir auch so fliegen könnten?” fragte der Adler. “Das können wir nicht” sagte die Henne, „mit dem darfst du dich nicht messen. Er gehört dem Himmel. Doch du und ich, wir sind von anderer Art, wir gehören dem Boden. Wir sind Hühner“.

Der Adler schämte sich leise für den unbescheidenen Traum vom freien Flug und für dieses komische Gefühl in der Brust, das sich in ihm breit gemacht hatte. Ein Gefühl, soweit und luftig, so frei. So blieb der Adler das, wofür er sich hielt und starb eines Tages als Huhn unter Hühnern.

Sein Glaube an sich selbst hat ihn daran gehindert, seine wirkliche Bestimmung zu leben!

(nach einer afrikanischen Fabel)


Fast alle meiner Klienten sind besondere und hochsensible Menschen. Adler. Die leider – genau wie in dieser Geschichte – von gackernden Hühnern umgeben sind. Hochsensible hören von Kindheit an Sätze wie „Was glaubst Du denn, wer Du bist?“ oder „Du hältst Dich wohl für was Besonderes?“ Sie werden ausgelacht, weil ihre natürliche Fertigkeit nicht darin liegt, Körner zu finden und wie andere zu sein!

So wird ihnen ihr wahrer Wert leider nicht bewusst. Stattdessen vergleichen sie sich mit all den gackernden Hühnern in ihrem Umfeld. Und ziehen dabei immer den Kürzeren.

Dadurch können sie ihre natürlichen Gaben – ihre Hochsensibilität – nicht erkennen. Stattdessen passen sie sich der vorgegebenen Hühnerlebensform an. Manch ein verkannter Adler wird ein besseres Huhn, als die wahren Hühner! Andere werden rebellische Hühner, die aus der Reihe tanzen und als Exoten gelten. Es gibt süchtige Hühner, kranke Hühner, verhaltensauffällige Hühner und unzählige mehr!

Dieses ganze Anpassungs-Spiel kostet einen Hochsensiblen unglaublich viel Kraft und Lebensfreude.

Es verhindert, sich selbst zu erkennen. Man blickt auf Andere, statt auf sich selbst! Das führt zur Überforderung, Stress und Unzufriedenheit bis hin zu psychosomatischen Erkrankungen. Dabei weiß man nicht einmal genau, weshalb man unzufrieden ist:

 … man hat doch schließlich alles, was ein Huhn fürs Leben braucht!

An dieser Stelle setzt ein Leidensdruck ein, der eine Weile andauert. Der als Huhn verkleidete Adler stellt sich selbst in Frage. Gibt noch einmal richtig Gas, um anderen Hühnern ähnlich oder gleich zu sein. Und fühlt sich dabei immer schlechter. Irgendwas stimmt nicht mit ihm!

Mir sitzen im Coaching oft als Hühner verkleidete Adler gegenüber. Es überrascht mich immer wieder, welch großartige, besondere, wertvolle Potentiale in hochsensiblen Menschen schlummern, die sie selbst nicht wahrnehmen! Ihnen wurden unzählige Etiketten aufgedrückt, an die sie glauben und die sie für wahr halten. Selbst-Bewusstsein wird oftmals in Hühner-Manier missbraucht. Im Hühnerjargon repräsentiert es Menschen, die taff im Leben stehen, schlagfertig parieren, ein dickes Fell haben, nicht alles an sich ranlassen und schon gar nicht alles in Frage stellen.

Ein hochsensibler Adler, der sich seiner Selbst bewusst wird, hat keinerlei Bedürfnis, sich auf diese Weise zu verhalten!

Er braucht keine Taffheit, Schlagfertigkeit oder ein dickes Fell. Ein Adler ist sich seines wahren Wesens und seiner natürlichen Stärke bewusst. Meist sind es gerade seine innere Weichheit, seine Perspektive und sein Weitblick, die ihn stark machen. Er ist frei von Hühnermythologien! Er braucht keine Rebellion oder Gackern, er muss nicht schlagfertig parieren. Er braucht keine Performance, um zu zeigen, wer er ist. Er muss sich nicht beweisen.

Ein Adler kann alles und muss nichts! Seine wahre Natur ist Freiheit. Er ist frei, zu sein wer er will. Er hat immer eine Wahl!

Hat ein hochsensibler Klient sich befreit von seinen Hühner-Etiketten, ist es eine wahre Freude, ihn zu beobachten! Sein Leben wandelt sich ohne großen Aufwand vollkommen! Von innen nach außen! Er lebt seine Wahrheit und verändert sich. Mit ihm verändert sich sein Umfeld. Er braucht keine Hühner mehr um sich herum und genießt stattdessen den Kontakt mit seinesgleichen. Er ist sich seiner selbst bewusst und frei!

Vielleicht kennst Du das auch von Dir selbst? Vielleicht nervt Dich Dein Umfeld und Du merkst, dass Du nicht (mehr) richtig dazu gehörst, vielleicht nie wirklich dazugehört hast? Vielleicht stellst Du aber gerade Dich dafür in Frage, hältst Dich für komisch, seltsam, anders?

Petra Schneider, www.FeelGood-Coaching.de

6 Kommentare

  1. Die Geschichte haut den Nagel auf den Kopf! Ich erkenne mich auch wieder und finde es dennoch schwer sich von dem Gewohnten zu lösen. Ich merke oft, wieviel Energie ich in den Wunsch, einfach ein Huhn sein wollen, stecke, anstatt zu akzeptieren ein Adler zu sein. Es ist immer wieder gut Bücher zu lesen, Menschen zu begegnen o.ä. die einem Mut machen und daran erinnern, dass man die Wahl hat und sich entscheiden kann, auch wenn entscheiden nicht immer einfach ist.

  2. Eine tolle Geschichte. Es ist leider auch unsere Sozialdemokratie, welche solche Hühnerhöfe bereit stellt. Eine Gleichstellung ist nunmal Notwendigkeit für Wachstum…

  3. Ich habe seit meiner Geburt mit Hühnern zusammenlebt. Mir wurde immer wieder gesagt, dass ich verrückt, schwierig und dumm bin. In Therapien habe ich gelernt, dass ich einfach anders bin – ein Adler. ich bin dabei, fliegen zu lernen und mich anzunehmen. Wie ich mit Hühner umgehen soll, weiß ich noch nicht genau. Es geht immer um das abgrenzen, was mir sehr schwer fällt. Und was mein Leben einen Sinn gibt, weiß ich auch noch nicht genau. In dieser Welt mit Hühnern tue ich mich sehr schwer und ich ziehe mich dann zurück. Ich versuche, andere Adler kennenzulernen. Solche Beiträge tun jedenfalls gut und machen Mut.

  4. Ich fühle mich hier gut beschrieben nur dass ich mich aus dem Hühnerhof befreie, was die anderen Hühner größtenteils nicht begreifen.
    Aber es gibt kein Zurück mehr. Und der Adler ist mein Krafttier; manchmal fühle ich mich so schweben, von der Luft getragen.

  5. Dieser Artikel bestätigt, wie ich mich Jahrzehnte gefühlt habe, sogar in der eigenen Familie. Seid einer richtig schlimmen Lebenskrise, die 2008 begann und 2013 ihren Höhepunkt erreichte,kämpfe ich mich in mein eigentliches Sein zurück. Vieles ist schon heller und fühlt sich einfach besser an. Trotzdem spüre ich, dass ich noch auf dem Weg bin. Mein Weg hat seinen eigenen Rhythmus und hin und wieder erlebe ich auch Rückfälle, aber ich bleibe nicht stehen. Ich spüre, dass sich alles im richtigen Moment fügt. Vielen Dank für diesen Beitrag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.