Das Durchsetzungsprinzip der Hochsensibilität

Das Nervensystem von Hochsensiblen Personen (HSP) muss eine gewaltige Menge von Umweltreizen verarbeiten. Hochsensible bekommen aufgrund ihrer ausgeprägten Feinfühligkeit mehr Einflüsse durch Menschen oder Umfeld aufgedrängt als üblich. Oft sind sich HSP darüber nicht bewusst, dass Sie insbesondere die Gefühle und Stimmungen von anderen Personen mit verarbeiten müssen.

HSP stehen deshalb in ihrem Leben vor einem Lernprozess.

Sie laufen Gefahr, nur die negativen Einflüsse von Umwelt und Umfeld zu verarbeiten. Vielmehr müssen sie lernen, sich auch auf beide Seiten des menschlichen Daseins zu fokussieren. Vielleicht ist dies die größte Herausforderung, vor der HSP in ihrem Leben stehen. Sie haben die Gratwanderung zu meistern, zwischen den zahlreich einprasselnden Umwelt- und Umfeldinformationen die positiven Aspekte nicht zu übersehen.

Dennoch hat in der Summe das Leben den Hochsensiblen von Anfang an eine große Bürde auferlegt. Sie bekommen die guten wie auch die schlechten Seiten des menschlichen Lebens wie auf dem Präsentierteller serviert. Ob sie wollen oder nicht.

Diese enormen Verarbeitungsprozesse, denen das hochsensible Gehirn ausgesetzt ist, sind auch die Ursache, warum HSP oft wie gelähmt sind, wenn es darum geht, sich zu behaupten. Es scheint ihnen unmöglich, schnell zu schalten, wenn Vorteile oder sonstige Annehmlichkeiten zu verteilen sind.

Selbst bei verbalen Angriffen oder plötzlichen Änderungen von Umweltbedingungen zeigen sie selten schnelle Handlungsmuster.

Die im Gehirn eingehenden Informationen, die verarbeitet, geordnet und analysiert werden müssen, sind einfach zu umfangreich. Damit ist es nahezu unmöglich, spontane Handlungsstrategien aus dem Hut zaubern zu können. Kurzum: Wenn es darum geht, schnell zu schalten, werden HSP meist den Kürzeren ziehen. Die richtigen Argumente oder Reaktionen fallen ihnen in der Regel zu spät, manchmal erst nach Stunden ein. Im Prinzip sind das schlechte Voraussetzungen, um sich in einer Zeit der zunehmenden gesellschaftlichen Verrohung durchsetzen zu können.

Der Wunsch vieler HSP, spontan zu sein, ist infolgedessen ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Sie würden sich in einen intellektuellen Wettkampf mit Normalsensiblen begeben, den sie nur schwer gewinnen können. Vielmehr sollten sich HSP auf ihre Hauptstärken besinnen. Ihre Weisheit und ihre Intuition sind Instrumente, die es in sich haben. Insbesondere lebenserfahrene HSP, die ihre Lebensmitte bereits überschritten haben, sind in der Lage, sich allein mit ihrem 6. Sinn durchzusetzen. HSP können infolgedessen von einer etwas anderen Art von Durchsetzungsfähigkeit profitieren.

Hochsensible müssen eigentlich nur geduldig abwarten. Und sie werden feststellen, wie sich die Dinge wie von Geisterhand zu ihren Gunsten entwickeln. Es scheint so, als könnten sie positive Zufälle herbeiführen. Dies ist jedoch ein Trugschluss. Vielmehr ist es die Intuition von Hochsensiblen, die sie zu den passenden Orten, zu cleveren Einsichten, den besseren Rahmenbedingungen und zu den richtigen Menschen führt.

Im Laufe ihres Lebens bemerken HSP, dass es oft gar nicht notwendig ist, sich im Jetzt durchsetzen zu müssen. Denn sie wissen, dass das Morgen und vor allem das Übermorgen auf ihrer Seite stehen werden. Mit dieser Gewissheit, dass sich viele Gegebenheiten sowieso in ihrem Sinne positiv drehen, können HSP viel Lebensfreude generieren. Mit Gelassenheit und Weisheit können sie darauf vertrauen, dass ihre Durchsetzung zeitversetzt erfolgt. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass HSP lernen, auf ihre Intuition zu hören.

Sie müssen nur vertrauensvoll warten, bis der vermeintliche Zufall auf ihrer Seite steht.

Haben HSP dieses Durchsetzungsprinzip erst einmal erkannt, lösen sich viele Sorgen von selbst auf. Im Alltag können Handlungsdruck, Habachtstellungen bzw. übertriebene Vorsicht gegenüber Personen bzw. Umständen losgelassen werden. Sie wissen nun, dass ihr 6. Sinn sie selten im Stich lässt. Diese etwas andere Art, sich zu behaupten, funktioniert zwar etwas zeitversetzt und manchmal auch in Zeitlupe, jedoch besitzt sie eine gewaltige Durchschlagskraft. Wie der Volksmund schon sagt: „Wer zuletzt lacht, lacht am besten“.

Luca Rohleder, Buchautor von „Die Berufung für Hochsensible

5 Kommentare

  1. Hallo!
    Ich gehöre auch zu den HSP und der Text ist mir zu einseitig und er trivialisiert zu stark. In vielen Punkten ist er aber auch sehr treffend.

    Gerade durch HS kann man den Vorteil haben Dinge schneller und besser zu beurteilen. Ja in der Tat müssen wir oft fast zwanghaft alles Abwägen, aber das heißt nicht, dass wir langsam sind. Mitunter ist unsere Wahrnehmung eine Waffe mit der wir zuschlagen können, noch bevor die anderen überhaupt verstanden haben, was los ist. Also Vorsicht bei der Darstellung.

    Und Durchsetzen kann ich mich auch sehr gut. Oder besser konnte ich!
    Ich sehe ein anderes Problem viel stärker. Die Normal Sensible Personen in meinem Umfeld neigen in der heutigen Zeit zunehmend im Vergleich zu HSPs ignorant zu werden. Da hilft kein warten. Da muss ich im wahrsten Sinne des Wortes Jahrzehnte warten.

    Bitte – Wir HSP haben es schwer genug. Nicht auch noch solche zu wenig überdachte Berichte im Internet verbreiten. Mal darüber nachgedacht, wie das ausgelegt werden kann?
    Nicht hilfreich!

  2. Insbesondere mit Beachtung des 2. Absatzes von Irina Merkers Kommentar, den ich voll unterschreiben kann, erscheint es mir immer naheliegender, dass die Hofnarren (ein solcher war auch eine Art Weiser/Berater) von damals HSP gewesen sein müssen. Sie durften als einzige auch unbequeme oder tabuisierte (versteckte) Themen hervorkehren. Auch scheint mir die mythologische Figur des Spielers/Jokers, für mich besonders gut im deutschen Loki dargestellt, wie auf den Leib für („extrovertierte“?) HSP zu passen (aber evtl. auch auf den ein oder anderen Aspie).

  3. Ich hatte beim lesen das Gefühl, dass mir der Autor aus der Seele spricht. Ich habe mich bei allem wiedergefunden, aber ich kann auch mit meinen 48 Lenzen sagen, dass ich durch unterschiedliche Lebensphasen gegangen bin, bei denen sich meine Hochsensibilität unterschiedlich stark gezeigt hat.
    Wenn ich in einem Umfeld bin, das mich wertschätzt und unterstützt, kann auch ich eine große Klappe haben und sehr schlagfertig sein. Aber im Gegensatz zu nicht so sensiblen brauche ich dieses Umfeld, diese Sicherheit, die mich dann auch mein ganzes Potential ausleben lässt. Und dazu gehört auch, andere in ihre Schranken weisen zu können.
    Jedoch fällt das schwer innerhalb meines Umfeldes, das mich eigentlich stärkt, dort etwas in Frage zu stellen, gerade weil ich schon vorher spüre, welche Reaktion gleich kommen wird. Dies befähigt mich aber auch, auf den rechten Zeitpunkt zu warten. Ich habe Geduld gelernt. In kleinen Schritten kommt man auch zum Ziel.
    Und meine Intuition hat mich immer wieder an Orte und zu Dingen und Menschen geführt, die mich darin unterstützt haben, zu vertrauen, zu glauben, zu wissen, dass alles auf der Welt zwei Seiten hat und es schwierig ist, eine Position zu finden, die eine Bewertung ermöglicht. Seit ich das begriffen habe, weiß ich, dass sich sowieso alles zum Guten wendet. So habe ich meinen Platz gefunden.
    Das ist doch ein Verlauf, wie er oben beschrieben ist. Vielen Dank 🙂

  4. Als betroffener HSP und jemand der viel mit solchen arbeitet, kann ich dem ersten Teil zustimmen, aber den weiteren Schlussfolgerungen nur bedingt.
    Ein wesentlicher Aspekt in den Trainings ist das Fokusieren zu lernen und unterscheiden zu lernen, was Selbst- und was Fremdwahrnehmung ist.
    Auch die Arbeit mit der eigenen Intuition erfordert kein langes Nachdenken.

  5. Sorry, aber das ist wirklich sehr einseitig beleuchtet. Kann ich null teilen und freue mich täglich über meine Schlagfertigkeit und mein ausserordentlich ausgeprägtes Durchsetzungsvermögen “ trotz“ oder gerade wegen HS?!!!? Lg

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